Südkoreas Siegeszug
Während Nordkorea sich in Armut verschanzt, hebt Südkoreas Boomwirtschaft weiter ab. Eine Wachstumsgeschichte – auch dank deutscher Hilfe.
von Euro-Redakteurin Sabine Gusbeth, Seoul.
Wer die glitzernde Innenstadt von Seoul, Südkoreas quirlige Hauptstadt, verlässt und eine Stunde Richtung Nordwesten fährt, hat die krassen Gegensätze zwischen dem Nor- den und dem Süden des geteilten Landes direkt vor Augen. In Paju, einem Ort nahe der nordkoreanischen Grenze, hat der Bildschirmspezialist LG, eines der größten koreanischen Unternehmen, einen gigantischen Display Cluster errichtet. Im Vorführraum präsentiert der Konzern seinen ganzen Stolz: die modernsten, größten, kleinsten und dünnsten Flüssigkristallbildschirme der Welt. In den Laboren, die für Besucher Tabu sind, forscht LG an der Zukunft, an flexiblen Displays.
Auf der Aussichtsplattform einige Stockwerke über den Produktionshallen kann man den Blick aus der Zukunft Südkoreas in die triste Gegenwart des Nordens schweifen lassen. In der Ferne lässt sich die 160 Meter hohe Flagge des nordkoreanischen Propagandadorfs Kijong-dong erahnen. Ein Dorf, das errichtet wurde, um dem Süden die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. Doch der Fortschritt im Süden — in Gestalt leistungsfähigerer Ferngläser — ließ den Potemkinschen Schwindel auffliegen: Die Fassaden der Häuser sind ebenso Attrappen wie die ballistischen Interkontinentalraketen bei der pompösen Militärparade des neuen Diktators Kim Jong-Un im April in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang.
Das Streben der Südkoreaner nach Wachstum und wirtschaftlicher Unabhängigkeit ist ihre Antwort auf die ständige Bedrohung aus dem Norden. Und auf jahrhundertelange Unterdrückung durch Besatzer — wechselweise aus der Mongolei, China oder Japan. Heute erobert Südkorea mit modernsten Hightech-Produkten wie Autos (Hyundai), Handys (Samsung), Bildschirmen (LG) die Welt. Während der Westen vor Chinas Aufstieg zittert, haben Koreas Unternehmen im Schatten des mächtigen Nachbarn durch Innovationen den Sprung an die Weltspitze geschafft und sind zur ernst zu nehmenden Konkurrenz für Firmen aus Europa, den USA und Japan geworden.
Immer mehr Güter aus dem „Land der Morgenstille“ finden ihren Weg in den Westen: Wer auf den Preis achten muss und trotzdem nicht auf Qualität verzichten will, kauft „made in South Korea“ — und nicht „made in China“. Allein nach Deutschland exportierte Südkorea im vergangenen Jahr Waren im Wert von 9,5 Milliarden Euro, vor allem Schiffe, Maschinen, Fahr- zeuge und Elektronik. Denn das Land hat sich innerhalb weniger Jahre zum Weltmarktführer im Schiffsbau sowie bei Flüssigkristallbildschirmen und bei Speicherchips entwickelt.
Innovation und Protektionismus
„Südkoreas Aufstieg ist zum großen Teil getrieben durch den klaren Fokus der Firmen auf Innovationen“, konstatierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jüngst. Wie erfindungsreich Koreas Unternehmen sind, beweist die Statistik des europäischen Patentamts. Fast 5000 Patente haben koreanische Unternehmen im vergangenen Jahr hier angemeldet. Mehr schaffen derzeit nur Firmen aus den USA, Japan und Deutschland. Unter den zwölf patentstärksten Firmen der Welt finden sich mit den Elektronikkon- zernen Samsung und LG sowie dem Autobauer Hyundai auch die drei bekanntesten koreanischen Unternehmen.
Allerdings ist die „internationale Wettbewerbsfähigkeit auf wenige Unternehmen und Branchen beschränkt“, hat die bundeseigene Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing beobachtet. Der Grund dafür liegt in der Wirtschaftspolitik Südkoreas: Gezielt wurden bisher bestimmte Branchen politisch wie finanziell unterstützt und der Aufstieg von Industriekonglomeraten in Familienbesitz, sogenannten Chaebols, zu Weltmarktführern vorangetrieben.
So kommt es, dass die 30 größten Konzerne fast 90 Prozent der koreanischen Wirtschaft ausmachen. Allen voran Samsung und Hyundai, die Firmen wie Apple und Volkswagen das Fürchten lehren. Ihre Bosse sind Koreas reichste Männer. Samsung-Chef Lee Kun-Hee (70) besitzt laut US-Magazin Forbes umgerechnet 8,2 Milliarden Euro. Auf Platz 2: Hyundai-Chef Chung Mong-Koo (74) mit fünf Milliarden Euro. Ihre ältesten Söhne und designierte Kronprinzen, Lee Jae-Yong und Chung Eui-Sun rangieren auf Platz 4 und 5.
Smartphones von Samsung und Autos von Hyundai sind in Seoul ebenso omnipräsent wie Bildschirme von LG, ebenfalls ein Familienkonglomerat. Überall tippen, surfen, spielen Koreaner mit ihren mobilen Endgeräten. Mehr als zehn Millionen der insgesamt 49 Millionen Südkoreaner besitzen ein Smartphone. Sogar an der Passkontrolle bei der Einreise chattet die junge Beamtin gelangweilt mithilfe ihres Handys, auf dessen Display bunte Sprechblasen aufpoppen.
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Doch so sehr Samsung und Co im Ausland bewundert werden, im Inland sind sie gefürchtet. Gegen die Dominanz der Familiendynastien regt sich zunehmend Widerstand. Denn sie verhindern bislang häufig den Aufstieg kleinerer und mittelständischer Unternehmen, indem sie Erfolg versprechende Firmen einfach aufkaufen. Die Spitzenpolitikerin der demokratischen Oppositionspartei, Han Myung-Sook, hatte im April im Parlamentswahlkampf eine Reform der Chaebols gefordert. Deren Monopol sei „zum Gift für Koreas Wirtschaft geworden“.
Allerdings dürften die Familienkonglomerate noch Schonfrist genießen, denn gewonnen hat die konservative Saenuri-Partei. Eine von ihr geführte Regierung hatte 2009 den wegen Steuerhinterziehung und Untreue verurteilten Samsung-Boss Lee begnadigt — wohl auch, weil er die Bewerbung Südkoreas um die Olympischen Winterspiele 2018 finanziell unterstützte.
Die Stärke der Chaebols offenbart die Schwäche der koreanischen Wirtschaft: Nur wenige Unternehmen sind international wettbewerbsfähig. Deshalb besteht eine „hohe Abhängigkeit von ausländischen Technologien und Komponenten“, analysiert die Gesellschaft für Außenwirtschaft. Die deutsche Industrie liefert die dringend benötigten Bausteine für Koreas weiteres Wachstum: Fahrzeugteile von Bosch, Chemikalien von BASF, Medizintechnik von Siemens — und Luxusautos von BMW, Daimler und Audi.
2011 stiegen die Einfuhren aus Deutschland zweistellig auf fast zwölf Milliarden Euro. Ein Grund für den rasanten Anstieg ist auch das Freihandelsabkommen zwischen Südkorea und der EU von Juli 2011. Das „verbessert die Wettbewerbsposition der schon heute stark vertretenen deutschen Unternehmen in Korea“, sagt Carsten Lienemann, Vize-Geschäftsführer der Außenhandelskammer in Seoul. Besonders profitieren Branchen wie „Maschinenbau, Kfz-Export, Chemie- und Pharmaindustrie, Automobilzulieferer sowie Elektrotechnik und erneuerbare Energien“, weiß er.
Das haben auch deutsche Konzerne erkannt: Umgerechnet 660 Millionen Euro investierten sie 2011 in Südkorea, davon über die Hälfte zwischen Oktober und Dezember — nach Inkrafttreten des Freihandelsabkommens. Damit ist Deutschland nach Japan bereits der zweitgrößte Investor in Korea. Zu den größten Investoren zählen DAX-Konzerne — etwa Linde, BASF, Merck, BMW — sowie die Zulieferer Bosch und Continental.
Linde beispielsweise nahm Ende 2011 eine Anlage in Betrieb, die hochreine Industriegase erzeugen kann, wie sie etwa in der Elektronik- und Autobranche benötigt werden. Wegen der steigenden Nachfrage nach Industriegasen plant der Münchner Konzern schon den Bau eines weiteren Werks in Südkorea. Auch der Chemieriese BASF will seine Kapazitäten vor Ort ausbauen. Daneben expandieren vor allem die Autobauer und deren Zulieferer in dem schnell wachsenden Markt. Bosch will seine Präsenz in Korea ebenso verstärken wie Continental. Auch der Münchner Autoproduzent BMW baut sein Vertriebsnetz in Korea massiv aus.
Darüber hinaus hat sich Südkoreas konservativer Präsident Lee Myung-Bak, dessen Amtszeit im Dezember endet, den Ausbau der erneuerbaren Energien auf die Fahnen geschrieben. Bereits 2009 hat er deshalb ein umfangreiches Förderprogramm für grüne Technologien angestoßen. Denn Südkoreas Vorzeigeindustrien sind äußerst energieintensiv. Ziel des grünen Programms: Südkorea will in diesem Bereich ebenfalls in die Weltspitze aufsteigen. Bislang allerdings ist Deutschland noch Weltmarktführer bei grünen Technologien. Anlagenbauer wie Siemens profitieren daher von der steigenden Nachfrage aus Südkorea.
Doch nicht nur der wachsende koreanische Binnenmarkt ist für deutsche Unternehmen interessant. Das Land eignet sich auch als Ausgangspunkt für die weitere Expansion in Asien. Es biete „stabile politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent, einen guten Schutz geistigen Eigentums und ein hohes Ausbildungsniveau bei Fachkräften“, wirbt Experte Lienemann.
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Trotz allem stoßen ausländische Manager in Korea immer wieder auf Schwierigkeiten, wie Manuel Bauer, Vorstandsmitglied des Versicherungskonzerns Allianz, selbst erlebt hat. Sprache und kulturelle Unterschiede — etwa die starke hierarchische Prägung der koreanischen Gesellschaft — sind für Ausländer hohe Hürden. Die Rangordnung werde im Geschäftsleben „an bis zu 50 hierarchischen Titeln festgemacht“, weiß auch Uwe Glunz, seit August 2011 Landesvorstand von Lufthansa Cargo in Seoul.
Ihm ist zudem aufgefallen, dass in Korea „sehr viel Zeit in den Aufbau von Beziehungen zwischen Geschäftspartnern investiert“ wird. Nur selten komme man „beim ersten oder zweiten Treffen zur Sache“. Dann aber könne die „Geschäftsbeziehung oft weit ins Privatleben des Geschäftspartners hineinreichen“, bis hin zu Einladungen auf Hochzeiten und Beerdigungen, rekapituliert Glunz seine Erfahrungen. Allianz-Vorstandsmitglied Bauer ist bis heute „beeindruckt von der großartigen kulturellen und wirtschaftlichen Kraft des Landes“. Der Erfolg Südkoreas ist für ihn daher „keine Überraschung“.
Dabei war die Halbinsel nach Bruderkrieg und Teilung 1953 eines der ärmsten Länder der Welt und auf Entwicklungshilfe angewiesen. Heute ist der Süden einer der Finanziers des Internationalen Währungsfonds (IWF). Kein anderes Land hat den Aufstieg vom Empfänger zum Geldgeber des IWF so schnell geschafft. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt inzwischen über 15 000 Euro. Im Norden ist es vermutlich nur ein Fünftel dessen.
Vor dem Korea-Krieg war dagegen der Norden der wohlhabendere Landesteil, weil dort reiche Rohstoffvorkommen und viele Industriestandorte waren. Doch während die kommunistischen Herrscher fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung ins Militär steckten, um ihre Macht zu sichern, investierte der Süden in die Bildung seiner Bevölkerung — und legte den Grundstein für den Aufstieg.
Doch je reicher der Süden wird und je länger die Teilung dauert, desto stärker schwindet das Interesse der Südkoreaner an einer Wiedervereinigung. Vor allem die „Mittelschicht hat Angst vor den Kosten, die eine Einigung mit sich bringen würde“, weiß Lothar de Maizière. Der demokratisch gewählte letzte Regierungschef der DDR berät die Südkoreaner in puncto Wiedervereinigung.
Trotz des jüngsten Säbelrasselns aus dem Norden und wachsender Skepsis im Süden — eine Wiedervereinigung kann langfristig durchaus wirtschaftliche Vorteile bringen. Die große Zahl billiger Arbeitskräfte, der Rohstoffreichtum des Nordens und Produktivitätsgewinne könnten laut einer Studie der US-Investmentbank Goldman Sachs aus dem Jahr 2009 dazu führen, dass „ein wiedervereinigtes Korea in 30 bis 40 Jahren Frankreich, Deutschland und vielleicht sogar Japan in der Wirtschaftsleistung überholen könnte“.