Nahost-Konflikt

Ölmarkt am Limit? IEA warnt vor historischem Engpass - Banken schrauben Ölpreisprognosen hoch

04.04.26 23:41 Uhr

Hormus-Blockade zwingt zur Neubewertung: IEA warnt vor Engpässen, Banken erhöhen Preisziele für Öl | finanzen.net

Während die IEA vor historisch schwerwiegenden Versorgungsengpässen am Ölmarkt warnt, reagieren Investmentbanken mit Aufwärtskorrekturen ihrer Preisprognosen.

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• Internationale Energieagentur warnt vor Öl-Versorgungsengpässen
• Wirtschaftlicher Druck durch Lieferunterbrechungen
• Banken passen Ölpreisprognosen nach oben an

IEA warnt vor Versorgungsengpass: Globaler Ölmarkt unter Druck

Der aktuelle Oil Market Report (OMR) der Internationalen Energieagentur (IEA) zeichnet ein dramatisches Bild der globalen Energieversorgung: Der Krieg im Nahen Osten hat die schwerwiegendsten Lieferunterbrechungen in der Geschichte des Ölmarktes ausgelöst. Da der Tankerverkehr durch die strategisch essenzielle Straße von Hormus nahezu vollständig zum Erliegen gekommen ist, fehlen dem Weltmarkt derzeit täglich etwa 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte. Infolge blockierter Exportwege und überfüllter Lagerkapazitäten haben die Golfstaaten ihre Förderung bereits massiv um mindestens 10 Millionen Barrel pro Tag reduziert. Besonders kritisch bleibe die Lage bei Raffinerieprodukten wie Diesel und Kerosin, da in der Region bereits Kapazitäten von über 3 Millionen Barrel pro Tag stillgelegt wurden.

Obwohl Produktionssteigerungen in Nicht-OPEC+-Staaten wie Kasachstan und Russland die Ausfälle teilweise abfedern, bleibt das globale Angebot hochgradig gefährdet. Um einen wirtschaftlichen Schock abzuwenden, haben die IEA-Mitgliedstaaten am 11. März die beispiellose Freigabe von 400 Millionen Barrel aus ihren Notfallreserven beschlossen. Diese Maßnahme stützt sich auf global rekordhohe Lagerbestände von über 8,2 Milliarden Barrel (Stand Januar 2021). Trotz dieser Pufferlösungen reagierten die Märkte extrem volatil: Die Brent-Preise schossen nach den Luftangriffen am 28. Februar zeitweise auf fast 120 US-Dollar pro Barrel hoch.

Gleichzeitig dämpfen die hohen Preise und die kriegsbedingten Störungen im Flugverkehr die weltweite Ölnachfrage. Die IEA revidierte ihre Prognose für das Nachfragewachstum im Jahr 2026 deutlich nach unten auf nunmehr 640.000 Barrel pro Tag. Während die koordinierten Notfallreserven vorerst als Schutzschild fungieren, betont die IEA, dass eine nachhaltige Stabilisierung der Märkte zwingend von einer raschen Sicherung der Schifffahrtswege und einer diplomatischen Lösung des Konflikts abhängt. Jede weitere Verzögerung bei der Wiederaufnahme des Verkehrs durch die Straße von Hormus dürfte die Versorgungsnotlage und den wirtschaftlichen Druck weltweit verschärfen.

Goldman Sachs hebt Ölpreisprognosen erneut an

Zum zweiten Mal innerhalb von weniger als zwei Wochen hat Goldman Sachs nun kürzlich seine Ölpreisprognosen deutlich nach oben korrigiert. Die Investmentbank reagiert damit auf die anhaltende Blockade der Straße von Hormus und eine grundlegende Neubewertung der globalen Angebotsrisiken, so investing.com. Die Analysten gehen nun davon aus, dass der Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Meerenge für sechs Wochen auf lediglich 5 Prozent des Normalniveaus verharren wird, bevor eine langsame, einmonatige Erholung einsetzt. Diese massive Störung führt laut Daan Struyven, Leiter der Goldman-Rohstoffforschung, zu einer neuen Marktdynamik: Die hohe Konzentration von Produktion und freien Kapazitäten im Nahen Osten werde künftig eine dauerhaft höhere Risikoprämie sowie den Aufbau umfangreicherer strategischer Lagerbestände erforderlich machen.

Für den Zeitraum März und April rechnet Goldman Sachs nun mit einem durchschnittlichen Brent-Preis von 110 US-Dollar pro Barrel - ein deutlicher Sprung gegenüber der vorherigen Schätzung von 98 US-Dollar. "Die Preise werden voraussichtlich weiter steigen, bis der Markt die Gewissheit gewinnt, dass ein längerer Stillstand unwahrscheinlich ist", so Struyven. Auch die langfristigen Aussichten wurden angehoben: Die Prognose für das Jahr 2026 stieg für Brent von 77 auf 85 US-Dollar und für WTI auf 79 US-Dollar.

Mit Blick auf das Jahr 2027 prognostiziert die Bank einen Durchschnittspreis von 80 US-Dollar für Brent, warnt jedoch vor extremen Aufwärtsszenarien. Sollten die Lieferungen durch die Straße von Hormus über einen längeren Zeitraum stark eingeschränkt bleiben, könnten die Tagespreise laut Goldman Sachs sogar den historischen Rekordwert aus dem Jahr 2008 übertreffen. Selbst in einem weniger dramatischen, aber dennoch "extrem ungünstigen" Verlauf mit anhaltenden Ausfällen im Nahen Osten sieht die Bank den Brent-Preis bis Ende 2026 bei einem stabilen Niveau von etwa 115 US-Dollar.

Experten reagieren auf anhaltenden Nahost-Konflikt

Die Eskalation im Nahen Osten zwingt jedoch auch weitere Großbanken zu einer deutlichen Anhebung ihrer Ölpreisprognosen. Laut investing.com erwartet das Expertenteam der UBS für das laufende Jahr nun einen durchschnittlichen Brent-Preis von 86 US-Dollar, verglichen mit zuvor 72 US-Dollar pro Barrel. "Dies basiert auf der Annahme, dass der Konflikt noch 2-3 Wochen bis Anfang April andauern wird und dass die Lieferungen durch die Straße von Hormuz weiterhin stark eingeschränkt bleiben, wodurch die Preise kurzzeitig über 120 Dollar pro Barrel steigen könnten", so die Analysten.
Besonders die Angriffe auf kritische Infrastrukturen, wie das katarische Gasfeld Ras Laffan, schüren Ängste vor langfristigen Versorgungsengpässen und steigender Inflation.

Parallel dazu prognostiziert Standard Chartered in einem Basisszenario (70 Prozent Wahrscheinlichkeit), dass die Ölpreise bei einer baldigen Entspannung des Konflikts innerhalb der nächsten drei bis vier Wochen ihren Zenit erreichen könnten. Die Dauer der hohen Energiepreise bleibe dabei die entscheidende Variable: Eine schnelle Normalisierung würde der US-Notenbank Fed den nötigen Spielraum für Zinssenkungen im zweiten Halbjahr 2026 lassen. Sollte das Öl jedoch über Monate teuer bleiben (30 Prozent Wahrscheinlichkeit), droht eine persistente Inflation, die eine grundlegende Neubewertung aller Anlageklassen erzwingen würde.

Evelyn Schmal, Redaktion finanzen.net

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