Interview

Anleiheexperte Hünseler: Yellen muss handeln

05.04.16 16:00 Uhr

Anleiheexperte Hünseler: Yellen muss handeln | finanzen.net

Michael Hünseler, der Anleihechef von Assenagon, über das Dilemma der Fed, die Fixierung der EZB auf die Inflation - und die Folgen für Anleger.

von Thomas Strohm, Euro am Sonntag

€uro am Sonntag: Herr Hünseler, US-Notenbankchefin Janet Yellen hat gerade wieder betont, den Leitzins wegen der weltwirtschaftlichen Risiken nur langsam erhöhen zu wollen.
Michael Hünseler:
Das ist das Dilemma der Fed - sie muss sich um die Sorgen anderer kümmern. Aus ihrer Sicht ist eigentlich alles okay. Die US-Wirtschaft läuft, höhere Zinsen wären angemessen. Die Schwierigkeiten in China oder die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten hindern sie daran.

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Wird es 2016 dann gar keine weiteren Zinsschritte geben?
Viele am Kapitalmarkt erwarten das inzwischen tatsächlich. Jedoch kann die Fed nach der ersten Erhöhung vom Dezember nicht ein ganzes Jahr zuschauen. Sie wird handeln müssen. Die US-Notenbank hat zwei weitere Erhöhungsschritte angekündigt, und das wird sie umsetzen.

Einige Fed-Mitglieder haben angedeutet, es könne im April so weit sein. Die EZB hat indes die Geld­politik gerade gelockert.
Für Mario Draghi wird es nach diesem Bündel an Maßnahmen immer schwieriger, einen weiteren Hasen aus dem Hut zu zaubern, um die Märkte zu beruhigen. Es ist aber auch die Frage, ob die extrem expansive Geldpolitik für die Eurozone noch angemessen ist. Die Kreditvergabe zieht an. Die Konjunktur läuft nicht so schlecht. Die EZB ist aber ganz auf ihr Zwei-Prozent-Ziel bei der Inflation fixiert.
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Die Teuerung lag im März in Deutschland nur bei 0,3 Prozent.
Der Absturz des Ölpreises spielte hier eine wichtige Rolle. Zuletzt haben sich die Energiepreise stabilisiert, sind sogar etwas gestiegen. Der Effekt, der die jährliche Teuerung nach unten zog, läuft aus. Stellen Sie sich nur vor, der Ölpreis würde auf 60 Dollar steigen - die Auswirkung auf die Inflation wäre beträchtlich.

Was heißt das für die Renditen von Bundesanleihen, für zehnjährige gibt es nur 0,16 Prozent?
Die Renditen werden bis Jahresende steigen, bei zehnjährigen Bunds auf 0,50 bis 0,70 Prozent. Damit sind Kursverluste verbunden. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen wird noch stärker anziehen, von 1,80 Richtung drei Prozent. Damit wird der Dollar wieder stärker: Aktuell gibt es für einen Euro circa 1,14 Dollar, am Ende des Jahres werden es eher 1,05 Dollar sein.
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Sichere Anleihen bringen keine Rendite, es drohen Kursverluste. Eigentlich haben Anleger keine Alternative zu Aktien, oder?
Die Investoren sollten sich aber klarmachen: Der Wert einer Aktie hängt von den künftigen Erträgen eines Unternehmens ab, die auf den heutigen Wert abgezinst werden. Je niedriger der Zins, mit dem dabei gerechnet wird, desto höher der heutige Wert der erwarteten Erträge.

Das hat die Aktienkurse in den letzten Jahren angetrieben?
Nicht nur, aber auch. Nun fehlt dieser Treiber, die Zinsen können nicht immer weiter sinken. Es kommt deshalb wieder mehr auf die Profitabilität einzelner Firmen an, damit ihr Kurs steigt. Dennoch: Wer Rendite sucht, kommt an Aktien kaum vorbei - und im Anleihebereich nicht an Nachrang- und Hochzinsbonds.

Gerade Kleinanleger haben es schwer in Nullzinszeiten.
Das ist ein Aspekt, der anders als im angelsächsischen Raum hierzulande kaum diskutiert wird: Die Nullzinsen haben gravierende Folgen für die Wohlstandsverteilung. Wer Vermögen hat, kann es bewahren. Wer keines hat, muss sich einiges einfallen lassen, um welches aufzubauen. Die Altersvorsorge ist stark gefährdet. Dieser Effekt der Geldpolitik ist eigentlich mit nichts zu rechtfertigen.

Vita:

Michael ­Hünseler
Der 1967 geborene Anleiheexperte leitet seit 2012 das Credit Portfolio Management des Münchner Vermögensver­walters Assenagon. ­Zuvor arbeitete er für Unicredit, Hypo­Vereinsbank, Deka ­Investment und Dresdner Bank.

Bildquellen: Assenagon