Mega-Zollpaket

Massive Folgen erwartet: Handelskrieg ist in vollem Gang - Rezession und Inflation im Blick

03.04.25 20:07 Uhr

Trump entfacht Handelskrieg - Weltwirtschaft in Gefahr | finanzen.net

Effektiver Zollsatz der höchste seit 131 Jahren - So reagiert die Welt auf Trumps Zollpaket.

Die länderspezifischen reziproken Zölle von Präsident Trump seien größer ausgefallen als erwartet, so Neil Shearing, Chefökonom bei Capital Economics. Die Ankündigungen implizierten, dass der effektive Zollsatz für alle Importe bis 2025 von 2,3 Prozent im vergangenen Jahr auf rund 26 Prozent steigen und damit ein 131-Jahres-Hoch erreichen werde. Ganz allgemein betrachtet seien Kanada und Mexiko glimpflich davongekommen, während Länder in Asien, insbesondere China und Vietnam, hart getroffen worden seien. Die Europäische Union und Japan lägen irgendwo dazwischen, sagte Shearing.

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Von der Leyen kündigt Reaktion auf US-Zolloffensive an

Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hat angekündigt, auf die jüngste Runde von Zöllen des US-Präsidenten Donald Trump zu reagieren. Das sei ein "schwerer Schlag für die Weltwirtschaft und die Weltwirtschaft wird massiv darunter leiden", sagte sie bei einer Pressekonferenz in Usbekistan. "Die Unsicherheit wird zunehmen und den Protektionismus weiter anheizen. Die Folgen werden schrecklich sein", ergänzte sie. Die EU sei bereits, darauf zu reagieren. Eine Maßnahme gegen die Stahlzölle werde derzeit fertiggestellt und eine zweite Antwort sei ebenfalls in Arbeit. "Wir bereiten uns jetzt auf weitere Gegenmaßnahmen vor, um unsere Interessen und unsere Unternehmen zu schützen, falls die Verhandlungen scheitern", sagte sie und fügte hinzu, dass die EU die indirekten Auswirkungen der gegenseitigen Zölle beobachten werde.

IfW-Ökonom: Deutschland droht mit Zöllen erneut Rezession

Die von Donald Trump angekündigten "reziproken" Zölle kosten Deutschland laut einem Szenario des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) im Jahr nach dem Inkrafttreten 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum. "Wir sehen, wie sich die USA aus dem Freihandel verabschieden", sagte der Handelsökonom Julian Hinz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für die Pharma-, Chemie und die Autoindustrie sowie den Maschinenbau seien die USA einer der wichtigsten Märkte. Das Wachstumsminus von 0,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts entspricht umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro. Das Kieler Szenario enthält noch keine möglichen Gegenmaßnahmen der EU. Derzeit bewegen sich die Wachstumsprognosen für Deutschland knapp oberhalb der Nullline. Mit den Zöllen droht laut IfW eine Rezession und ein drittes Jahr mit schrumpfender Wirtschaftsleistung infolge.

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Handelskrieg ist in vollem Gang

Nach den von US-Präsident Donald Trump verhängten Zöllen und der Ankündigung von Gegenmaßnahmen durch China und die EU ist nach Einschätzung von Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der liechtensteinischen VP Bank, der Handelskrieg bereits in vollem Gang. "Die Weltwirtschaft könnte schweren Schaden nehmen, dies betrifft auch die USA selbst", schreibt er in einem Kommentar. Die Inflationsraten werden nach seiner Einschätzung steigen, da viele Konsumwaren aufgrund der Einfuhrgebühren im Preis steigen würden. "Damit kommt es zu einem schweren Spagat für die US-Notenbank. Einerseits dürften aufgrund der Zölle die Inflationsraten zulegen, andererseits droht die US-Wirtschaft selbst unter der Zoll-Last empfindlich abzukühlen", erläutert der Ökonom.

ING senkt Euroraum-BIP-Prognosen

ING senkt nach Ankündigung neuer US-Einfuhrzölle auf europäische Waren die Wachstumsprognosen für den Euroraum. Wie Europa-Chefvolkswirt Carsten Brzeski schreibt, wird für 2025 ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um nur noch 0,6 (bisher: 0,7) Prozent erwartet und für 2026 ein Zuwachs von 1,0 (1,4) Prozent. Der Einfluss auf die Inflation ist Brzeski zufolge schwer zu quantifizieren. Zwar werde sie wohl steigen, doch dürften die Zölle zu höheren Lagerbeständen bei Unternehmen und führen, was zusammen mit der geringeren Kapazitätsauslastung auf die Preise drücken würde. Zudem könnte China versuchen, mehr Waren in Europa abzusetzen. "So wenig intuitiv das klingt - langfristig könnte ein voll entfalteter Handelskrieg für Europa disinflationär wirken", kalkuliert der Ökonom.

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VCI: Kühlen Kopf bewahren

Der Verband der Chemieindustrie (VCI) setzt als Reaktion auf die von den USA angekündigten Zölle auf Verhandlungen und auf ein einheitlich auftretendes Europa. "Brüssel muss in seiner Reaktion flexibel und im engen Dialog mit Washington bleiben. Berlin muss dazu beitragen, dass Brüssel mit einer Stimme für die EU spricht", sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. "Europa braucht ein starkes Mandat, auch im Interesse der deutschen Industrie. Das Ziel muss eine beidseitig faire Lösung sein - für Europa und die USA." Es gelte für alle Beteiligten, "einen kühlen Kopf zu bewahren". Die USA seien weiterhin ein zentraler Handelspartner für Deutschland. "Eine Eskalationsspirale würde den Schaden nur vergrößern. Unser Land darf nicht zum Spielball eines ausufernden Handelskrieges werden."

VDA: "Kein America first, das ist America alone"

Die von US-Präsident Donald Trump am Mittwoch angekündigten neuen reziproken US-Zölle markierten einen "fundamentalen handelspolitischen Einschnitt", sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). "Es ist die Abkehr der USA von der regelbasierten globalen Handelsordnung - und somit die Abkehr von der Grundlage für weltweite Wertschöpfung und entsprechendes Wachstum und Wohlstand in vielen Regionen der Welt. Das ist kein America first, das ist America alone." Die Maßnahmen seien eine massive Belastung und Herausforderung für Unternehmen und die globalen Lieferketten der Automobilindustrie. "Die Folgen der 25 Prozent-Zölle, die ab dem 3. April mindestens auf Pkw, leichte Nutzfahrzeuge und bestimmte Autoteile erhoben werden, sind noch schwer einzuschätzen", so Müller. Die EU sei jetzt gefordert, "geschlossen und mit entsprechender Stärke aufzutreten - und gleichzeitig weiterhin die Bereitschaft zu Verhandlungen zu signalisieren".

Mexiko und Kanada bekommen keine reziproken Zölle

Analysten der Rabobank weisen darauf hin, dass Mexiko und Kanada in der aktuellen Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump weder bei den reziproken Zöllen noch bei dem Universalzoll von 10 Prozent betroffen sind. Gleichwohl habe Trump wettbewerbsfeindliche Praktiken Kanadas bei Milchprodukten erwähnt und Mexikos Dominanz in der nordamerikanischen Autoproduktion, schreiben sie in einer Analyse. Die von dem Freihandelsabkommen mit den USA abgedeckten Waren seien nicht betroffen, die nicht abgedeckten Waren mit den bereits verhängten 25 Prozent Zoll belegt. Mexiko wolle früheren Ankündigungen zufolge mit einem "umfassenden Programm" reagieren, von Kanada gebe es noch keine aktuellen Stellungnahmen.

Zölle machen US-Rezession, höhere Inflation wahrscheinlicher

Rezession und Inflation sind nun wahrscheinlicher in den USA, schätzt Stephen Dover vom Franklin Templeton Institute. "Zölle funktionieren nicht, wenn die Preise nicht steigen", so der Chefmarktstratege in einer Research Note. Die durchschnittliche amerikanische Familie dürfte aufgrund der Zölle schätzungsweise bis zu 4.200 US-Dollar höhere Kosten pro Jahr haben, wenn man einen durchschnittlichen Zollsatz von 20 Prozent auf Importe annimmt. "Zölle werden daher wahrscheinlich die Ausgaben der privaten Haushalte und der Unternehmen bremsen, und wir gehen davon aus, dass sie das Risiko für Enttäuschungen beim US-Wachstum und den Unternehmensgewinnen im 2025 erhöhen werden."

Dow Jones

Bildquellen: Spencer Platt/Getty Images, Andrew Harnik/AP