Grüner Fisher-Kolumne Thomas Grüner

Der Unfug regiert!

10.09.10 15:39 Uhr

Der Unfug regiert! | finanzen.net

Genauer hinschauen lohnt sich.

Die letzten Tage verdeutlichen wieder einmal, dass Menschen mit der Flut an Nachrichten und deren Verarbeitung in unserem angeblichen "Medien- und Kommunikationszeitalter" völlig überfordert sind. Dies betrifft Politiker und Journalisten genauso wie auch Investoren. Unsinnige Meldungen schaffen es in die roten Laufbänder der Fernsehsender und Entwicklungen an den Märkten werden haarsträubend kommentiert. Ich habe Ihnen dazu ein schönes Beispiel mitgebracht.

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Atomenergie und ein seltsamer Pastor

Ein offensichtlich recht wirrer Pastor aus den USA hat es mit seiner Ankündigung einer Buchverbrennung tatsächlich in die roten Laufbänder der deutschen Fernsehsender geschafft. Bloomberg ist das einen Bericht wert und selbst CNN hat den Pastor Terry Jones als Thema. US-Präsident Obama spricht von einer "destruktiven Geste" und das US-Militär hat seine Alarmbereitschaft erhöht. Warum ignoriert man diesen verrückten Pastor nicht einfach?

Ebenfalls bemerkenswert - und damit zurück vom Pastor zu den Finanzmärkten - sind die "Berichterstattung" und die Diskussionen in diversen Polit-Talkshows zum Atomkompromiss der Bundesregierung. Man kann zum Thema Atomenergie sicher geteilter Meinung sein. Kaum jemand von uns hätte wohl ein solches Kraftwerk gerne in unmittelbarer Nachbarschaft und mir kann man allein schon aufgrund meines Namens nicht vorwerfen, kein ökologischer Mensch zu sein. Aber die unsinnigen Diskussionen um die angeblichen Milliardengeschenke sind kaum zu fassen. Diverse Politiker haben in den letzten Tagen die horrenden Kursgewinne der Aktionäre der großen Energieversorger EON und RWE im Zuge der "Milliarden-Geschenke an die Atom-Lobby" heftig kritisiert.

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Hat sich das überhaupt mal jemand angeschaut?

EON vs. DAX

Vergleichen wir dazu einfach einmal die Kursentwicklung des Energiekonzerns EON mit dem DAX. Auf den ersten Blick stellen wir dabei fest, dass die vermeintliche Kursexplosion der Energieversorger nicht einmal eine Eintagsfliege war. In Wahrheit sind die Energieversorger in 2010 die relativ schwächsten Werte innerhalb des deutschen Aktienindex DAX.

RWE vs. DAX

Nicht nur EON hat sich im Verhältnis zum DAX schwach entwickelt. Auch RWE sieht im Vergleichschart nicht viel besser aus. Können Sie eine Kursexplosion und die damit verbundenen großen Kursgewinne der Aktionäre erkennen? Ich nicht.

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ENI vs. DAX

Der Vergleich des größten italienischen Energieversorgers ENI mit dem DAX verdeutlicht: Die Diskussion um die Restlaufzeit der Atomkraftwerke in Deutschland hat überhaupt nicht den maßgeblichen Einfluss auf die Kurse der betroffenen Unternehmen RWE und EON. Auch ENI hat sich wesentlich schwächer als der DAX entwickelt. Dies hat viel mehr den Grund, dass defensive Werte eben bisher in 2010 nicht so stark gefragt sind. Der Sektor ist auch im internationalen Vergleich bisher eher ein Underperformer.

Fazit

Seien Sie sich stets bewusst, dass viele der heutigen "Nachrichten" schlicht grober Unfug sind. Das Internet beschleunigt die Verbreitung vieler wirrer Neuigkeiten und man ist dabei kaum noch in der Lage, echte Nachrichten mit Informationsgehalt herauszufiltern. Die angeblich großen Kursgewinne der Aktionäre der Atomkraftwerkbetreiber nach den vermeintlichen Milliarden-Geschenken gibt es nämlich gar nicht! Und der wirre Pastor in den USA hat schlicht einen Knall. Schalten Sie einfach auch mal ab und hinterfragen Sie grundsätzlich die Plausibilität der verbreiteten Meldungen. Sie laufen sonst schnell Gefahr, Ihre Anlageentscheidungen auf Basis unsinniger Nachrichten zu treffen. Genau hinschauen lohnt sich!

Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen/Disclaimer unter www.gruener-fisher.de.
Thomas Grüner ist Firmengründer und Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments GmbH. Seine oft dem allgemeinen Marktkonsens entgegen stehenden Prognosen sorgten schon mehrfach für großes Aufsehen. Weitere Informationen unter http://www.gruener-fisher.de.

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH i.G. übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.