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Herkulesaufgabe Wärmewende: Alles längst bekannt?

19.10.22 14:19 Uhr

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Sich nach einem ausgedehnten Herbstspaziergang auf eine schöne Tasse Tee im behaglich warmen Wohnzimmer freuen - was vor kurzem noch als eher bescheidener Anspruch galt, wird für viele Mietende zum Luxus.

Denn gut die Hälfte der Wohnungen in Deutschland wird mit Gas beheizt. Unter der Last explodierender Gaspreise ächzen insbesondere sozial orientierte Wohnungsunternehmen. Sie müssen die stark gestiegenen Energiekosten ihrer Mieterinnen und Mieter bereits jetzt bei den Versorgern vorfinanzieren. Manche werden vermutlich auf ihren Ausgaben sitzenbleiben, weil sich Mietende die Kosten nicht mehr leisten können.

Wie stark die deutsche Wirtschaft insgesamt auf fossile Energieträger angewiesen ist und wie wenig auch der Wohnungssektor auf den sprunghaften Gaspreisanstieg vorbereitet war, wird seit Monaten vielfach harsch kritisiert. Die Gefahren einer solchen Abhängigkeit lagen doch stets auf der Hand, heißt es. Wenn im Nachhinein alle klüger sind und es vorher aber längst geahnt haben, hat die Wissenschaft ein spannendes Erklärungsmodell. Der Rückschaufehler, im Englischen Hindsight Bias genannt, beschreibt die rückblickende Überschätzung der Vorhersagbarkeit. Während man in der Vorausschau den Ausgang einer Situation für kaum einschätzbar hielt, kommt einem im Rückblick die gleiche Situation sehr viel klarer vor.

Was bei dieser Betrachtungsweise nicht selten auf der Strecke bleibt: sachliche Analysen und Lerneffekte. Denn: Die Sorge vor einem kalten, teuren Winter ist auch deshalb so groß, weil es seit langer Zeit einen riesigen Rückstand bei der Sanierung von Wohngebäuden gibt. Allein die ambitionierten Klimaziele und das Wissen um die schlechte CO2-Bilanz vieler Altbauten hätten seit etlichen Jahren dazu führen müssen, die Dekarbonisierung des Bestands und einhergehend den breiten Einsatz erneuerbarer Energien im Gebäude- als auch Wohnungssektor als oberste Priorität zu setzen. Warum also hinkt die Wärmewende im Gebäudesektor seit langem so enorm hinterher?

Anreize zur energetischen Sanierung? Fehlanzeige!

Bis vor Kurzem gab es kaum Anreize, von Gas- und Ölheizungen auf modernere Systeme mit regenerativen Energieträgern umzurüsten. Aufgrund verhältnismäßig günstiger Gas- und Öl-Heizanlagen und vergleichsweise hoher Strompreise hat es sich rein wirtschaftlich gesehen bislang stets gerechnet, eine Öl- oder Gasheizung zu betreiben, ja sogar neu einzubauen - mit gravierenden Folge für das Klima: Zwei Jahre in Folge hat Deutschland die zulässigen Treibhausgasemissionen im Gebäudebereich bereits überschritten. Zudem betreffen die Energiekosten aufgrund der Heizkostenumlage in der Regel allein den Geldbeutel der Mietenden. Somit profitieren Vermieter nicht von einem geringen Energieverbrauch, hätten bei einer Umrüstung jedoch die Investitionskosten zu tragen. Entsprechende Vorschläge für Gesetzesänderungen waren schnell vom Tisch, Fördertöpfe für regenerative Energie schnell versiegt.

Ob zudem die erst im Juli vorgelegte Reform der Bundesförderung Effiziente Gebäude (BEG) dazu führen wird, die Bestandssanierung zu beschleunigen, ist fraglich. Kurzfristig wurden die bis dahin geltenden Förderprogramme komplett umgestellt. Wohnungsverbände kritisieren zu Recht, dass damit langwierige Planungen und Vorbereitungen von Sanierungen buchstäblich über Nacht ein Fall für die Papiertonne wurden. Für ein der Wärmewende zuträgliches Investitionsklima ist das kontraproduktiv. Eine so wenig verlässliche Förderpolitik verschärft die bereits bestehenden Unsicherheiten rund um Bau- und Energiepreisexplosionen sowie Fachkräfte- und Materialmangel deutlich. In der Folge haben Investoren und Mittelstand eher wenig Vertrauen darauf, dass die Wärmewende stringent, langfristig und verlässlich auf die nächsten Jahrzehnte ohne Wenn und Aber massiv vorangetrieben wird. In der Folge entfallen Sanierungen als Investition in den Klimaschutz oder können theoretisch nur über höhere Mieten refinanziert werden. Letzteres wäre angesichts der ohnehin überaus angespannten Lage der Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen am Wohnungsmarkt die schlechteste Option.

Neue Wohnkonzepte sind gefragt

Nun aber allein der Politik den schwarzen Peter zuzuschieben, ist angesichts der Herkulesaufgabe der Wärmewende ebenfalls viel zu kurz gesprungen. Der Nachhaltigkeitsanspruch, den der Klimawandel so dringend erfordert, ist nicht nur über Fördergelder zu finanzieren, sondern auch durch Verzicht. Dass Politik und Bevölkerung planen, aufgrund der Gasknappheit in diesem Winter ad hoc 15 Prozent weniger Gas zu verbrauchen, zeigt, dass bereits allein ohne umfangreiche bauliche Maßnahmen Einsparungen möglich sind.

Auch als Gesellschaft müssen wir das vielfach so begehrte Konzept des Eigenheims und den so gewohnt großzügigen Wohnraum als Symbol für Aufstieg, Sicherheit und Erfolg hinterfragen. Nehmen wir den Klimawandel ernst, dann können wir nicht mehr so leben und auch nicht mehr so wohnen wie bisher. Tiny Houses, Micro-Apartments oder Wohnformen, die dem jeweiligen Lebensalter angepasst sind, sind hier nur einige Stichworte, wie sich das Wohnen künftig verändern muss. Und weniger heißt nicht immer schlechter - unterschiedliche Lebensabschnitte erfordern unterschiedliche Bedarfe. Hier müssen nutzergruppenorientierte Angebote generiert werden.

Nicht nur den Rückschaufehler, sondern den Present Bias überwinden

Und warum dies alles noch viel zu zögerlich geschieht? Auch darauf gibt die Psychologie eine Antwort: Der sogenannte Present Bias. So bevorzugt ein Individuum zeitlich näher liegende im Verhältnis zu zeitlich weiter entfernten Aspekten. Psychologische Nähe entsteht erst, wenn sich etwas zeitlich, räumlich und persönlich nah an uns dran anfühlt - wie es der Preisschock durch die derzeitige Gaskrise verursacht. In der Vergangenheit führte der Present Bias dazu, etwa die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen über- und den daraus resultierende Nutzen für die Zukunft des Klimas unterzubewerten. Und das, obwohl Menschen mit einfachen Veränderungen in der Gegenwart große Auswirkungen in der Zukunft erzielen könnten.

Über den Autor:

Simon Dietzfelbinger ist Partner und Head of Residential Properties bei Drees & Sommer. Er studierte an der Universität Leipzig Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Bauwesen und ist seit 2009 für das Unternehmen tätig. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Wohnungsbau und Quartiersentwicklung sowie im Management und Steuerung von Großprojekten. Darüber hinaus treibt er Themen wie Digitalisierung und innovative Geschäftsmodelle in der Wohnungswirtschaft voran. Als erfahrener Projektmanager und Experte verfügt Simon Dietzfelbinger über umfangreiche Kenntnisse aus den unterschiedlichen Projektphasen - von der Projektidee bis zur Fertigstellung. Zu seinen Projekten zählen das Fünf Morgen Dahlem Urban Village in Berlin sowie das Havelufer Quartier und das Quartier Heidestraße ebenfalls in Berlin.

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Bildquellen: Drees&Sommer