Corona-bedingte Storno-Welle bei Versicherungen? So schlimm steht es wirklich um die Branche

Erwartet wurde eine Pandemie-bedingte Stornowelle, doch die trat bislang nicht ein. Dass der Lübecker Maklerpool Blau Direkt sich nun mit einer neuen Pressemitteilung optimistisch zeigt, lässt Versicherer und Vermittler hoffen.
Die Altersvorsorge wird am häufigsten gekürzt
In einer Wirtschaftskrise wird nicht investiert - auch nicht in die Altersvorsorge. Dass stattdessen das Geld zusammen gehalten wird, bestätigt eine für das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) im Mai diesen Jahres von INSA Consulere durchgeführte repräsentative Umfrage: 19 Prozent der Haushalte, die im März und April 2020 aufgrund der Pandemie ein geringeres Einkommen hatten, strichen oder kürzten eigenen Angaben zufolge die Altersvorsorge. Damit sei diese unter den Versicherungen am schlimmsten getroffen.
Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) befragte seine Mitglieder zur Lage ihres Geschäfts - Ergebnis der Umfrage war, dass der Gesetzgeber aufgrund "alarmierender Zahlen" handeln müsse.
Einige Versicherer und Vermittler erwarteten daher für die Corona-Monate bis zu drei oder vier Mal so viele Stornierungen wie im Vorjahr, so dasinvestment.
Stornoprävention: Stundungsprogramme
Stornierungen sind nicht ohne Folgen: Sie bringen sowohl für Versicherer als auch für die rund 40.000 deutschen Vermittler und Versicherungsmakler erhebliche finanzielle Einbußen mit sich. Vermittler und Makler müssen nämlich regulär im Falle einer Stornierung oder manchmal sogar nur einer Beitragsfreistellung die Vertragsprovision an den Versicherer zurückzahlen. Es ist also leicht vorstellbar, wie schnell sie durch Corona-bedingte Stornierungen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten könnten.
Um die Kunden zu halten, wurden deswegen, laut Blau Direkt, von nahezu allen Versicherern Stundungsprogramme zur Stornierungs-Prävention aufgestellt. Die Programme entlasten auch betroffene Vermittler und Makler.
Nur ein Prozent mehr Stornierungen
Um die Lage der Versicherer auszuwerten, verglich Blau Direkt die Storno-Zahlen der deutschen Lebensversicherungen aus den Monaten Januar bis Mai 2020 mit denen aus dem Vorjahr 2019.
Die Ergebnisse überraschen positiv: Im genannten Zeitraum wurden 2019 der Auswertung zufolge insgesamt 1912 Policen gekündigt, 2020 waren es 2561 gekündigte Policen. Die Zahl der zusätzlich insgesamt 493 gestundeten Verträge sei seit Mitte April nicht mehr gestiegen. Außerdem wurden im Mai offenbar bereits erste Zahlungen wieder aufgenommen.
Blau Direkt schreibt in einer Pressemitteilung, dass es selbst dann kein Problem gebe, wenn alle gestundeten Policen dauerhaft ausfielen - den Zahlen müsse die Umsatzentwicklung gegenübergestellt werden "und die liegt mit einem satten Plus von 58 % deutlich gegenüber dem Vorjahr." Für eine gleichbleibende Stornoquote müssten dementsprechend also ebenfalls 58 Prozent mehr Policen storniert werden. Finanzchefin Kerstin Möller-Scholz von Blau Direkt wird dazu in einer Pressemitteilung mit folgenden Worten zitiert: "Tatsächlich hätten wir schlimmstenfalls 59 Prozent mehr Stornierungen als im Vorjahreszeitraum. Das wäre trotz Corona-Krise nur ein Prozent mehr" als die Umsatzsteigerung.
Gestundete Policen werden wieder aktiviert
Entsprechend der Tatsache, dass bereits im Mai erste Stundungen wieder aufgehoben wurden, prognostiziert Möller-Scholz weitere Reaktivierungen gestundeter Policen und wird in der Pressemitteilung erneut zitiert: "Das bedeutet, dass sich die endgültige Stornoquote entgegen den Erwartungen deutlich verringern wird. Das sind sensationelle Neuigkeiten."
Versicherer und Makler können also ein klein wenig aufatmen, denn das Schlimmste liegt offenbar hinter ihnen. Wie sich die Lage im Verlauf des Jahres weiter entwickeln wird, ist aber auch laut Blau Direkt noch nicht genau vorherzusagen und bleibt abzuwarten.
Olga Rogler / Redaktion finanzen.net
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