Deutsche Bank im Fokus: Am Scheideweg

Seit fast drei Jahren sitzt John Cryan an der Spitze der Deutschen Bank und baut den krisengeschüttelten Branchenprimus um.
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Er soll schlanker, moderner und in seinen Geschäften stabiler werden. Doch Analysten und Investoren zweifeln immer stärker daran, dass die Neuaufstellung gelingt. Das hat Gründe. Die wichtigsten Punkte für das Unternehmen, was die Experten sagen und wie es für die Aktie läuft:
DAS IST LOS BEI DER DEUTSCHEN BANK:
Drei Jahre in Folge hat die Deutsche Bank Verluste angehäuft. Mal zogen teure Rechtsstreitigkeiten das Geldhaus runter, mal negative Bilanzeffekte durch die US-Steuerreform. Das alles wurde durch Schwächen im Tagesgeschäft noch verschlimmert. 2015 verbuchte die Bank ein Rekordminus von 6,8 Milliarden Euro, 2016 lag das Minus bei knapp 1,4 Milliarden Euro und 2017 waren es laut Geschäftsbericht 735 Millionen Euro Verlust unterm Strich.
Zwar will Konzernchef John Cryan die Bank im laufenden Jahr zurück in die Gewinnzone führen und stellt den Aktionären "eine wettbewerbsfähige Ausschüttung" in Aussicht nach mageren Dividenden in den Vorjahren. Doch die Lücke zu den Milliardengewinnen insbesondere vieler US-Rivalen wie JPMorgan ist riesig. Dass die Deutsche Bank dennoch für das vergangene Jahr Boni in Milliardenhöhe ausschüttet, stößt auf Kritik. Der Vorstand selbst verzichtet indes erneut auf variable Vergütungsbestandteile.
Die Probleme der Deutschen Bank sind vielfältig: Zum einen leiden die Frankfurter im Kreditgeschäft unter den niedrigen Zinsen im Euroraum. Das Problem haben auch andere Banken, die hier tätig sind. Zum anderen - und darauf schauen Investoren derzeit im Wesentlichen - schwächelt das einst so gewinnträchtige Kapitalmarktgeschäft, insbesondere der Handel mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen. Anders als in der Vergangenheit ist die Deutsche Bank auch nicht mehr quasi automatisch als Berater gesetzt, wenn es im Heimatmarkt zu großen Übernahmen, Fusionen oder Börsengängen kommt.
Erst am Mittwoch warnte Finanzchef James von Moltke auf einer Investorenkonferenz, dass ungünstige Wechselkurse und höhere Refinanzierungskosten die Erträge in der Unternehmens- und Investmentbank im ersten Quartal um insgesamt 450 Millionen Euro schmälern werden. Darauf brach der Kurs ein.
Mit dem Börsengang der Vermögensverwaltung DWS (Deutsche Asset Management) am Freitag kann Deutsche-Bank-Chef Cryan immerhin einen wichtigen Punkt auf seinem Umbauplan abhaken - wenngleich die Bank weniger Geld dabei einnimmt als erhofft. Zudem soll bald die Integration der Tochter Postbank abgeschlossen werden. Damit will die Deutsche Bank auf dem Heimatmarkt den Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken und nicht zuletzt auch dem Erzrivalen Commerzbank die Stirn bieten.
DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:
Das Vertrauen nimmt weiter ab - so umschreibt Analyst Tim Rießelmann von Independent Research die Stimmung der Finanzgemeinde gegenüber der Deutschen Bank. Hintergrund war die Warnung von Finanzvorstand von Molke vor dem Gegenwind im ersten Quartal. Er selbst habe angesichts eines besseren Marktumfeldes mit einem "überzeugenden Auftaktquartal" gerechnet, schrieb Rießelmann und möchte auch "weitere negative Überraschungen" nicht mehr ausschließen.
"Eine erneute Strategiedebatte ist aus unserer Sicht zu diesem Zeitpunkt angesichts der mittlerweile überstrapazierten Geduld der Anleger unausweichlich", sagt der Experte. Er rechnet in der Folge damit, dass sich die Stimmung gegenüber der Aktie weiter eintrübt und rät deshalb zum Verkauf. Sein Kursziel senkte er deutlich auf 11 Euro. Ein harter Schnitt: Bislang ging Rießelmann davon aus, dass die Aktie auf 16,50 Euro steigt und riet entsprechend zum Einstieg.
In die gleiche Kerbe schlug Citigroup-Analyst Andrew Coombs. Die Erosion der Erträge schreite schneller voran als die Kostenreduzierungen, schrieb er und reduzierte seine Gewinnerwartungen. Es sei nicht sicher, ob die Strategie aufgehe. "Verkauft die Aktien", rät er den Anlegern. Sein negatives Votum untermauerte er mit einem Kursziel von nur noch 8,60 Euro - so tief stand das Papier noch nie.
UBS-Analyst Daniele Brupbacher rät Anlegern dagegen, abzuwarten. Er ist sich unschlüssig, ob die Aussagen des Deutsche-Bank-Finanzchefs als Gewinnwarnung zu interpretieren sind oder nicht. Die Aktie selbst sieht er als "günstig" an und blieb bei seinem Kursziel von 16,30 Euro. Allerdings, so schränkte er ein, müssten für eine Kurserholung die Erträge in der Unternehmens- und Investmentbank sich stabilisieren oder gar steigen.
DAS IST DIE KURSENTWICKLUNG:
Sehr trübe sieht es für die Aktie der Deutschen Bank aus. Kurz-, mittel- und langfristig. Während die Aktie - bereinigt um alle Kapitalmaßnahmen - kurz vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 in der Spitze gut 92 Euro wert war, waren es am Donnerstag zwischenzeitlich nur noch 11,68 Euro.
Damit rutschte die Aktie in Richtung ihres Allzeittiefs aus dem Herbst 2016 von 8,83 Euro. Das war zu einer Zeit, als ernsthaft darüber spekuliert worden war, ob die Deutsche Bank noch eine Zukunft hat. Zwischenzeitlich konnten ein wichtiger Rechtsstreit mit der US-Regierung beigelegt, das Kapital deutlich aufgestockt und mit dem chinesischen Mischkonzern HNA ein neuer Hauptaktionär gewonnen werden.
Allerdings brachte HNA jüngst auch Unsicherheit in die Aktie. Die teure Einkaufstour der Chinesen ließ den Schuldenberg anschwellen. Die Frage, die sich viele Anleger stellen, lautet nun: Versilbert HNA in der Not seine Deutsche-Bank-Anteile? Konzernvertreter verneinen, doch eine komplizierte Beteiligungsstruktur schürte zusätzliche Zweifel am langfristigen Interesse der Chinesen.
Seit Jahresbeginn hat die Aktie der Deutschen Bank nun mehr als ein Viertel ihres Werts verloren - kein anderes namhaftes Geldhaus Europas büßte derart stark ein. Seit dem Amtsantritt von John Cryan im Juli 2015 hat die Aktie sogar mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Die Commerzbank, zum Vergleich, steht im gleichen Zeitraum 3 Prozent im Minus./das/mis/fba
FRANKFURT (dpa-AFX)
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