Asset-Allokation

Lifecycle-ETFs entlarvt: Warum automatische ETF-Umschichtungen Anlegern wenig bringen könnten

aktualisiert 27.05.26 07:55 Uhr

Automatisch sicher? Warum Lifecycle-ETFs kritisch gesehen werden | finanzen.net

Lifecycle-ETFs versprechen automatische Risikoreduktion bis zum Zieldatum. Warum der versprochene Mehrwert sich oft nicht von einer einfachen Constant-Weight-Strategie unterscheidet.

• Lifecycle-ETFs schichten den Aktienanteil mit zunehmender Nähe zum Zieldatum schrittweise in Anleihen um
• Amundi bietet Lifecycle-ETFs mit unterschiedlichen Zieljahren an
• Die laufenden Kosten der Amundi-Lifecycle-ETFs liegen laut Anbieter im niedrigen Gebührenbereich

Was Lifecycle-ETFs sind und wie das Angebot aufgebaut ist

Lifecycle-ETFs, auch Target Date Funds genannt, verfolgen das Ziel, ihre Vermögensaufteilung mit zunehmender Nähe zu einem festen Endtermin von risikoreichen Aktien hin zu schwankungsärmeren Anleihen zu verschieben. Dieser sogenannte Glide Path soll Anlegern ermöglichen, ein Anlageziel wie den Renteneintritt mit nur einem einzigen Produkt anzusteuern, ohne die Asset-Allokation manuell anpassen zu müssen. Ein Anbieter, der dieses Konzept in den UCITS-Mantel überführt hat, ist Amundi.

Wie aus dem Produktbereich von Amundi ETF hervorgeht, umfasst die Lifecycle-Produktreihe ETFs mit unterschiedlichen Zieljahren. Die Aktienkomponente bildet einen Welt-Aktienindex mit Nachhaltigkeitsfilter, den FTSE Developed ESG Screened Select, ab. Wie aus den Produktinformationen von Amundi ETF und einer Untersuchung der Stiftung Warentest hervorgeht, variiert der Aktienanteil je nach Zieljahr deutlich: Fonds mit näherem Zieldatum weisen eine niedrigere Aktienquote auf als Varianten mit längerem Anlagehorizont. Die Indexstruktur sieht laut Stiftung Warentest eine maximale Aktienquote von 80 Prozent vor, allerdings nur 30 Jahre vor Laufzeitende.

Der akademische Befund: Warum die Glide-Path-Logik mathematisch wenig hergibt

Die zentrale Schwäche von Lifecycle-Strategien wird in der Finanzwissenschaft seit über einem Jahrzehnt diskutiert. Wie Peter A. Forsyth, Professor für Computer Science an der University of Waterloo, in seiner Arbeit "Target Date Funds: a bad idea whose time has come" zeigt, lässt sich für jede deterministische Glide Path eine Constant-Weight-Strategie konstruieren, die denselben Erwartungswert für das Endvermögen liefert, dabei aber eine niedrigere Standardabweichung aufweist. Der Constant-Weight-Anteil entspricht dabei dem zeitlichen Mittel der Aktienquote über die Laufzeit der Glide Path.

Forsyth bestätigt diesen mathematischen Befund mit sogenannten Bootstrapping-Tests, einem statistischen Verfahren, bei dem aus historischen Renditezeitreihen tausende Zufallspfade simuliert werden. Im untersuchten 30-Jahres-Szenario eines Lump-Sum-Investments liefern eine Glide Path von 100 Prozent Aktien auf 20 Prozent und eine konstante Mischung von 60 Prozent Aktien zu 40 Prozent Anleihen praktisch deckungsgleiche Endvermögensverteilungen, also ähnliche Wahrscheinlichkeiten für mögliche Endwerte des Portfolios. Bemerkenswert ist Forsyths Ergebnis zu einer reversen Glide Path, also einer mit der Zeit steigenden Aktienquote: Eine Strategie, die mit 20 Prozent Aktien startet und auf 100 Prozent steigt, also genau das Gegenteil der üblichen Lifecycle-Logik, erzeugt im Bootstrap-Verfahren eine ähnliche Verteilung wie die klassische Forward-Glide-Path. Das von Anbietern häufig zitierte Argument, junge Anleger sollten wegen ihres Humankapitals stärker in Aktien investieren als ältere, hält Forsyth in dieser Form für nicht stichhaltig, weil die mathematische Optimalität sich nicht in der zeitvariablen Aktienquote, sondern allenfalls in adaptiven Strategien niederschlägt, die sich am tatsächlich erreichten Vermögensstand orientieren.

Was Anleger im Detail prüfen sollten

Aus der Verbraucherperspektive setzt die Stiftung Warentest in ihrer Analyse noch einen weiteren Punkt: Lifecycle-ETFs schichten nach festen Regeln um, unabhängig von der Marktlage. Wer also kurz vor dem Zieldatum einen Aktienmarkt-Einbruch erlebt, verkauft systematisch in den fallenden Markt hinein, statt eine Erholung abwarten zu können. Die Stiftung empfiehlt deshalb für Geld, das in den nächsten Jahren sicher benötigt wird, ohnehin keine Aktienanlage und für längerfristige Horizonte eine flexible, selbst gesteuerte Asset-Allokation. Auch das Argument der automatisierten Sicherheit zum Renteneintritt relativiert die Stiftung mit dem Hinweis, dass Anleger im Rentenalter häufig noch einen langen Anlagehorizont haben, was eine vollständige Umschichtung aus Aktien nicht immer rechtfertigt.

Wer trotz dieser Einwände einen Lifecycle-ETF in Erwägung zieht, sollte vor allem drei Punkte prüfen. Erstens den aktuellen Aktienanteil, der je nach Zieljahr stark variiert und bei kurzen Restlaufzeiten bereits deutlich reduziert sein kann. Zweitens die Indexlogik der Anleihenkomponente, die bei Amundi auf Staatsanleihen und Unternehmensanleihen verschiedener Laufzeiten setzt und ab dem Zieldatum auf kurzlaufende Anleihen umgestellt wird. Drittens die Frage, ob die fest vorgegebene Glide Path mit der eigenen Lebensplanung übereinstimmt, oder ob eine Kombination aus einem breiten Welt-Aktien-ETF und einem Anleihen-ETF, die individuell nachjustiert werden kann, das gleiche Ergebnis bei höherer Flexibilität liefert. Für Anleger mit einem klaren Endtermin und dem Wunsch nach maximaler Bequemlichkeit kann ein Lifecycle-ETF eine vertretbare Lösung sein. Wer die Asset-Allokation aktiv steuern möchte, findet im Markt bewährte Alternativen.

Dominik Maier, Redaktion finanzen.net

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