Energieschock

Warnsignal am Anleihemarkt: Folgt nun die Stagflation? Experten ziehen Parallelen zu 2008

28.03.26 23:47 Uhr

Zwischen 2008 und Stagflation: Was das Warnsignal am Anleihemarkt für Anleger bedeutet | finanzen.net

Explodierende Ölpreise und Warnsignale am Anleihemarkt versetzen Anleger weltweit in Alarmbereitschaft. Folgt nun die Stagflation?

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• Besorgniserregendes Marktmuster im Blick
• Iran-Konflikt treibt die Energiekosten massiv nach oben und schürt Stagflationssorgen
• Marktexperten über die Wahrscheinlichkeit eines Börseneinbruchs

Alarmzeichen: Droht eine Stagflation?

Die US-Finanzmärkte zeigen derzeit ein besorgniserregendes Muster, das Experten als "Bear Flattener" bezeichnen. Dabei steigen die Renditen kurzfristiger Staatsanleihen deutlich schneller als die der langfristigen Papiere, wie Dow Jones Newswires erklärt. Insbesondere die Rendite zweijähriger US-Anleihen schoss zuletzt klar hoch und überstieg dabei sogar den Leitzins der Federal Reserve (3,5 Prozent bis 3,75 Prozent). Haupttreiber dieser Entwicklung ist der drastische Anstieg der Ölpreise infolge des Iran-Konflikts.

Dieser Energieschock schürt unter Anlegern die Angst vor einer Stagflation - einer Kombination aus stagnierendem Wachstum und hoher Inflation. Da die Fed aufgrund der Inflationsrisiken kaum Spielraum für Zinssenkungen hat, preisen Händler nun sogar die Möglichkeit weiterer Zinserhöhungen für das Jahr 2026 ein, was die Kurse von Anleihen und Aktien gleichermaßen unter Druck setzt.

Parallelen zu 2008: Historische Warnsignale

Das gleichzeitige Auftreten von rasant steigenden Ölpreisen, einer invertierten Zinskurve und Renditen über dem Fed-Leitzins weckt bei Marktteilnehmern zudem düstere Erinnerungen: Zuletzt wurde diese Konstellation im Frühjahr 2008 beobachtet, kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.
"Die aktuelle Lage erinnert mich an 2007/2008, als das Finanzsystem tatsächlich Risse aufwies", sagte der Ökonom Derek Tang von Monetary Policy Analytics in Washington laut Dow Jones Newswires. Die schlechte Nachricht sei nun, dass "wir auf einen Energiepreisschock zusteuern und der Fed aufgrund der Inflationsrisiken die Hände gebunden sind, was Zinssenkungen erschwert." All dies spiele sich vor dem Hintergrund einer steigenden Rezessionswahrscheinlichkeit in den USA ab, was für risikoreiche Anlagen "nicht gut" sei. "Deshalb sind die Anleger derzeit extrem verunsichert."

Dennoch gebe es auch wichtige Unterschiede zur Finanzkrise von 2008: Das heutige Bankensystem gilt als widerstandsfähiger, und die US-Wirtschaft ist weniger stark vom Ölpreis abhängig als damals. Während 2008 der Immobilienmarkt der Auslöser war, liegt der Fokus heute auf geopolitischen Risiken und Spannungen im privaten Kreditsektor.

Experten äußern sich zum Stagflations-Risiko

Auch der erfahrene Marktstratege Ed Yardeni warnte in einer kürzlich veröffentlichten Analyse vor einer Rückkehr der Stagflation im Stil der 1970er Jahre und hat die Wahrscheinlichkeit für einen entsprechenden Börsencrash in diesem Jahr von 20 Prozent auf 35 Prozent angehoben, wie Fortune berichtet. Auslöser für diese Skepsis sei primär der Iran-Konflikt und die damit verbundene Blockade der Straße von Hormus, die den Ölpreis angetrieben hat.
Yardeni sehe Parallelen zur historischen Ölkrise, da die Bedrohung durch iranische Drohnenangriffe trotz geplanter US-Eskorten die globalen Lieferketten für Energie und Düngemittel massiv belastet. "Die US-Wirtschaft und der Aktienmarkt stecken derzeit zwischen den Fronten des Irans und einer schwierigen Lage", so Yardeni. "Dasselbe gilt für die Fed. Sollte der Ölpreisschock anhalten, würde das Doppelmandat der Fed zwischen dem steigenden Risiko höherer Inflation und zunehmender Arbeitslosigkeit feststecken.

Trotz dieser akuten Risiken hält Yardeni an einem grundsätzlich optimistischen Basisszenario fest und beziffert die Chance auf eine Fortsetzung der "Goldenen Zwanziger" weiterhin auf 60 Prozent. Er argumentiert, dass die US-Wirtschaft heute durch ihre eigene Rolle als weltweit größter Ölproduzent deutlich widerstandsfähiger gegen Energiepreisschocks ist als in der Vergangenheit.

Auch weitere Analysten warnen vor den langfristigen Kollateralschäden eines langwierigen Krieges, wie investing.com berichtet. Hyun Song Shin von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich betont die Gefahr finanzieller Kettenreaktionen: "Sollte sich der Konflikt länger hinziehen, könnten finanzielle Verstärkungseffekte die makroökonomischen Auswirkungen verschlimmern". Er warnt zudem vor den Folgen für die Märkte, da "ein sprunghafter Anstieg der Zinssätze Druck auf die Bewertungen von Vermögenswerten ausüben" könnte.

Einige Beobachter sehen zudem eine gefährliche Diskrepanz zwischen der Markterwartung und der Realität vor Ort. Frederic Schneider vom Middle East Council on Global Affairs mahnt: "Meiner Ansicht nach unterschätzen die Märkte das Risiko eines langwierigen Krieges", und skizziert als "Worst-Case-Szenario" einen "wirtschaftlichen Einbruch in Verbindung mit Zinserhöhungen zur Eindämmung der Inflation." Dass diese Sorge bereits die Geldpolitik beeinflusst, zeigt die australische Zentralbank, die ihre Zinsschritte explizit mit dem Konflikt begründet, da dieser zu "deutlich gestiegenen Kraftstoffpreisen" geführt habe, wodurch ein "erhebliches Risiko besteht, dass die Inflation länger als bisher erwartet über dem Zielwert bleiben wird."

Selbst bei einem baldigen Ende der Kämpfe sei keine sofortige Entspannung garantiert, da laut dem Chicago Council on Global Affairs "anhaltende geopolitische Unsicherheiten und die unvermeidlichen Verzögerungen bei der Wiederinbetriebnahme stillgelegter Ölquellen die Ölpreise noch monatelang auf einem hohen Niveau halten" könnten.

Die Kombination aus geopolitischen Spannungen, steigenden Energiepreisen und einem unter Druck stehenden Anleihemarkt stellt Anleger nun vor eine historische Herausforderung. Ob das System die aktuellen Risse ohne einen tieferen Einbruch überstehen wird, wird von der weiteren Entwicklung im Nahen Osten abhängen.

Evelyn Schmal, Redaktion finanzen.net

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