Streuungsstrategie

Jahrelang überholt, jetzt wieder vorn: Das Comeback der breiten Diversifikation

19.06.26 23:20 Uhr

Jahrelang abgeschrieben - jetzt schlägt Diversifikation das 60/40-Modell deutlich | finanzen.net

Breit diversifizierte Portfolios haben das klassische 60/40-Modell im Jahr 2025 um fünf Prozentpunkte übertroffen. Das ist der größte Abstand seit 2009.

Werte in diesem Artikel
Rohstoffe

4.204,61 USD 48,05 USD 1,16%

13.530,15 USD -81,85 USD -0,60%

Indizes

7.500,6 PKT 80,5 PKT 1,08%

• Breit gestreute Portfolios schlugen das 60/40-Modell
• Viele S&P-500-Indexfonds gelten nicht mehr als echte Streuung
• Wer zu viel diversifiziert, riskiert ein unhandliches Portfolio mit gedämpften Renditen

Diversifikation kehrt zurück

Ein breit diversifiziertes Testportfolio aus elf Assetklassen erzielte 2025 eine Rendite von rund 18,5 Prozent, während das klassische 60/40-Portfolio aus US-Aktien und US-Investment-Grade-Anleihen auf 13,3 Prozent kam, wie Morningstar in seinem "2025 Diversification Landscape"-Report ausweist. "Unser breiter diversifiziertes Testportfolio legte 2025 um rund 18,5 Prozent zu und lag damit etwa fünf Prozentpunkte vor der klassischen 60/40-Variante. Das war die beste Wertentwicklung des diversifizierten Portfolios seit 2009", erklärte Amy Arnott von Morningstar laut dem Bericht vom Juni 2026.

Der Vorsprung hält an. Wie CNBC im April 2026 berichtete, übertraf die breiter gestreute Strategie das 60/40-Modell auch in den ersten Monaten des laufenden Jahres noch um drei Prozentpunkte, Stand 13. April 2026. Damit ist das, was viele Anleger über mehr als ein Jahrzehnt als unnötige Komplexität abgetan hatten, in kurzer Zeit zur dominierenden Strategie geworden.

Welche Assetklassen die Diversifikation 2025 angetrieben haben

Den größten Beitrag leisteten Rohstoffe, allen voran Gold, das 2025 rund 66 Prozent an Wert gewann. Damit verzeichnete Gold den stärksten Jahresanstieg seit 1979.

Kupfer, ein Industriemetall mit hoher Sensitivität für globale Wachstumserwartungen, gewann im gleichen Jahr rund 45 Prozent und erzielte damit die beste Jahresrendite seit der globalen Finanzkrise. Neben Rohstoffen spielten nicht-US-amerikanische und internationale Aktien sowie alternative Investments eine tragende Rolle, wie MarketWatch unter Berufung auf die Morningstar-Auswertung schreibt. Der Hintergrund: Über mehr als ein Jahrzehnt dominierte US-amerikanische Mega-Cap-Technologie die Märkte und machte komplexere Portfoliostrukturen schlicht unattraktiv. Demnach übertraf das konzentrierte 60/40-Modell breit gestreute Portfolios in jedem rollierenden Dreijahreszeitraum zwischen Juni 2009 und Dezember 2021. Diese Phase endete abrupt.

Das 60/40-Portfolio

Die aktuellen Daten sind eindeutig, der Langfristvergleich jedoch differenzierter. Über einen 20-jährigen Zeithorizont erzielt das klassische 60/40-Portfolio einem Wealth-Management-Report zufolge, den MarketWatch zitiert, eine durchschnittliche jährliche Rendite von 9,68 Prozent, während breit gestreute Portfolios mit mindestens elf Assetklassen auf 7,13 Prozent kamen. Morningstar selbst bestätigt dieses Bild: Seit 2005 schnitt das 60/40-Portfolio in jedem rollierenden Zehnjahreszeitraum besser ab als breite Diversifikation.

Wer also ausschließlich auf aktuelle Outperformance reagiert, ignoriert diesen Widerspruch. Berater wie Jeff Judge formulieren es gegenüber dem Portal direkt: "Komplexität muss sich ihren Platz am Tisch erst verdienen. Ich füge einem Portfolio keine Diversifikatoren hinzu, weil sie gerade im Trend liegen, sondern nur dann, wenn die konkrete Situation eines Kunden es verlangt." Das ist keine Absage an Diversifikation, sondern ein Plädoyer für ihren gezielten Einsatz.

Wie Berater ihre Diversifikationsstrategie jetzt neu ausrichten

Auf der Aktienseite rücken internationale Märkte in den Vordergrund. "Ich baue derzeit für die meisten Kunden aktiv internationale Aktien auf, nicht weil ich an US-Märkten gezweifelt hätte, sondern weil der Bewertungsunterschied seit Jahrzehnten nicht mehr so groß war", so Judge. Ergänzend setzt David Demming von Demming Financial auf eine breite Abdeckung: "Wir verfolgen einen breit diversifizierten Ansatz, sowohl im Value- als auch im moderat wachstumsorientierten Bereich, einschließlich internationaler Märkte und Schwellenländer sowie Small- und Mid-Cap-Fonds", so Demming laut MarketWatch.

Bei Anleihen vollzieht sich ebenfalls ein Schwenk. Jon Ulin, Managing Partner bei Ulin & Co. Wealth Management, beschreibt gegenüber der Nachrichtenseite eine Hinwendung zu kurzlaufenden, Investment-Grade-Anleihen sowie inflationssensitiven Instrumenten wie TIPS. Langfristige Anleihen werden dagegen aktiv gemieden. "Was ich meide? Langlaufende Anleihenfonds beim aktuellen Renditeniveau", wird Ulin zitiert. Die veränderte Zins- und Inflationslandschaft macht langlaufende Anleihen zum Risikofaktor statt zum Stabilisator.

Einige Berater gehen noch weiter. Thomas Balcom von 1650 Wealth Management berichtet demnach, seine Firma setze auf strukturierte Produkte wie marktgebundene Schuldverschreibungen und Buffered ETFs, um Verlustpuffer in volatilen Phasen einzubauen. Ulin beschreibt seine aktuellen Modellportfolios als näher an institutionellen Allokationen als an klassischen Privatanlegermodellen, mit einer Struktur von 40 Prozent Aktien, 25 Prozent diversifizierenden Assetklassen und 35 Prozent kurzlaufenden Anleihen.

Reichen Index-Fonds noch als Streuung?

Ein weiterer Aspekt, den die Debatte in den Vordergrund rückt, ist die Frage, ob Standard-Indexfonds überhaupt noch als diversifiziert gelten können. Michael DeMassa von Forza Wealth Management verweist laut MarketWatch darauf, dass viele S&P-500 -Indexfonds-Prospekte inzwischen einen Hinweis trügen, wonach der Fonds nach dem Investment Company Act of 1940 als nicht-diversifiziert eingestuft werden könne. Der Hintergrund: Der Technologiesektor macht im S&P 500 derzeit rund 33 bis 34 Prozent des Gesamtgewichts aus, die zehn größten Positionen kommen auf knapp 39 Prozent des Fondsvolumens, wie Aktiencheck unter Bezug auf Indexdaten berichtet. Das Handelsblatt stellte Anfang 2026 fest, dass der Index so konzentriert ist wie seit der Dotcom-Blase nicht mehr.

Wer also glaubt, mit einem breiten Marktindex ausreichend gestreut zu sein, unterliegt einem strukturellen Missverständnis. Die scheinbare Breite des S&P 500 verbirgt eine erhebliche Wette auf wenige Technologieunternehmen.

Paul Schütte, Redaktion finanzen.net

Bildquellen: Panya_photo / Shutterstock, PopTika / Shutterstock.com

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