Neuer Fed-Chef Warsh: Was der Machtwechsel für Leitzins und Geldanlage bedeutet

Kevin Warsh übernimmt die Führung der mächtigsten Notenbank der Welt. Wie er die Geldpolitik ausrichten will und was das für Sparer und Anleger bedeuten könnte.
• Kevin Warsh wurde vom US-Senat mit 54 zu 45 Stimmen als neuer Fed-Vorsitzender bestätigt
• Die Fed hält den Leitzins bei 3,5 bis 3,75 Prozent, Zinssenkungen frühestens im zweiten Halbjahr
• Warsh hat einen "Regimewechsel" bei der Notenbank angekündigt und will Kommunikation und Bilanz verändern
Bestätigung in der knappsten Abstimmung der Fed-Geschichte
Am 13. Mai 2026 bestätigte der US-Senat Kevin Warsh als neuen Vorsitzenden der Federal Reserve (Fed). Die Abstimmung fiel mit 54 zu 45 Stimmen so knapp aus wie bei noch keiner Bestätigung eines Fed-Chefs in der modernen Geschichte der Notenbank. Am 15. Mai ernannte das Federal Reserve Board Jerome Powell formal zum geschäftsführenden Vorsitzenden, bis Warsh vereidigt ist. Warshs erstes FOMC-Treffen ist für den 16. und 17. Juni angesetzt.
Der Prozess war zeitweise durch den republikanischen Senator Thom Tillis aus North Carolina blockiert worden, der zunächst verlangte, dass das Justizministerium eine Untersuchung gegen Powell einstellt, die mit Kostenüberschreitungen bei einem Renovierungsprojekt des Fed-Hauptquartiers zusammenhing. Die Untersuchung wurde schließlich eingestellt. Powell erklärte in seiner letzten Pressekonferenz am 29. April 2026, er werde als Gouverneur im Board der Fed bleiben, bis er die Rechtslage für ausreichend geklärt halte. Das Verbleiben eines abgelösten Fed-Vorsitzenden im Board ist ungewöhnlich, da scheidende Chefs die Notenbank in der Regel mit Ende ihrer Amtszeit verlassen.
Leitzins bleibt vorerst hoch: Zinssenkungen frühestens im Herbst
Warsh übernimmt eine Notenbank in einem schwierigen Umfeld. Auf der letzten Sitzung unter Powell hielt der Offenmarktausschuss (FOMC) den Leitzins bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Laut dem Pressekonferenz-Protokoll vom 29. April lagen die Gesamtpreise nach PCE-Maß bei 3,5 Prozent auf Jahresbasis, die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel bei 3,2 Prozent. Als Treiber nannte Powell erhöhte Energiepreise durch den Konflikt im Nahen Osten sowie Effekte aus Importzöllen. Drei FOMC-Mitglieder stimmten gegen die beibehaltene Formulierung einer Lockerungsneigung im Statement.
Gregor Eder, Senior Economist bei Union Investment, rechnet mit zwei Zinssenkungen im zweiten Halbjahr 2026 und begründet dies in einem Beitrag für das Finanzmagazin Cash mit dem erwarteten Auslaufen der Zolleffekte: Die inflationären Effekte aus der Einführung neuer Importzölle unter Präsident Trump dürften im Sommer abklingen, was Warsh Spielraum geben könnte, den Offenmarktausschuss in Richtung Zinssenkungen zu bewegen. Warsh selbst hat das KI-Argument für frühere Senkungen ins Feld geführt. In einem Financial Times-Gastbeitrag vom Februar 2026 argumentierte er, künstliche Intelligenz könnte die jährliche Produktivität um ein bis zwei Prozent steigern, was inflationsdämpfend wirken und damit frühere Zinssenkungen rechtfertigen würde.
Regimewechsel: Kommunikation, Bilanz und Unabhängigkeit
Warsh hat für die Fed einen "Regimewechsel" in Aussicht gestellt. Beobachtet wird besonders, wie er die Unabhängigkeit der Notenbank von der Politik definieren wird. Konkret stehen Änderungen an der Kommunikationspolitik im Raum. Powell verwies in seiner Abschlusspressekonferenz selbst darauf, dass sein Nachfolger dem Dot Plot und regelmäßigen Pressekonferenzen skeptisch gegenüberstehe.
Zur Frage der Bilanzen schreibt Eder bei Cash: Der Abbau der Fed-Bilanz, also das Quantitative Tightening, rückt unter Warsh stärker in den Fokus. Er dürfte sich dafür einsetzen, dass Anforderungen zur Eigenkapitalunterlegung bei Finanzinstituten gelockert werden, sodass neue Überschussreserven entstehen, die die Fed dann abschöpfen kann. Zur Zinspolitik insgesamt urteilt Eder: Kurzfristig werde eine lockerere Geldpolitik Risikoanlagen wie Aktien beflügeln, längerfristig könnten aber Zweifel an der Unabhängigkeit der Fed die Inflationserwartungen und damit die Zinsen am langen Ende treiben und so die Finanzierungskosten für Staaten und Unternehmen erhöhen.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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