Berufsunfähigkeit

Abgesichert für den Ernstfall: Wenn nichts mehr geht

aktualisiert 19.04.14 22:32 Uhr

Klassische Policen rund um eine Berufsunfähigkeit sind oft teuer oder gar nicht erhältlich. €uro am Sonntag zeigt die Alternativen.

von Martin Reim, Euro am Sonntag

Ein Wintertag in Feldafing, ein Dorf am Starnberger See. Passend zum grauen Himmel grübeln rund ein Dutzend Versicherungsmakler über ein eher unerfreuliches Thema: Berufsunfähigkeit. Zu dem Treffen eingeladen hat "Die Bayerische", ein mittelgroßer Anbieter. Aus seiner Sicht steckt noch einiges Potenzial in dem Versicherungszweig. Immerhin wird nach Zahlen des Branchendiensts Mapreport jeder Fünfte im Laufe seines Erwerbslebens zeitweise oder dauerhaft berufs­unfähig.

Der gesetzliche Schutz aber ist löchrig. 2001 gab es eine grundlegende Reform. Seitdem erhalten alle, die ab Anfang 1961 geboren sind, lediglich eine Erwerbsminderungsrente. In voller Höhe wird sie nur dann fällig, wenn der Betroffene in keinem Beruf wenigstens drei Stunden täglich arbeiten kann. Die gezahlte Summe ist gering, sie beläuft sich zurzeit im Durchschnitt auf gut 600 Euro monatlich.
















Im Tagungsraum eines Hotels diskutieren die Männer (Frauen sind nicht dabei), wo die wichtigsten Probleme bei der Absicherung liegen. "Zu wenige Interessenten bekommen eine Police zu akzeptablen Preisen", moniert ein schlanker Endfünfziger, nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten im Geschäft. Ein jüngerer Vermittler fügt an: "Jeder Versicherer will nur die Kunden mit dem geringsten Risiko haben." In der Tat kocht hier jede Versicherung ihr eigenes Süppchen. Hintergrund ist die Hoffnung, gerade jene Kunden zu bekommen, bei ­denen eine Berufsunfähigkeit besonders unwahrscheinlich ist. Konsequenz für alle Verbraucher, die an ­einer Police interessiert sind: Wer exakt ins Raster passt, bekommt ­einen extrem günstigen Vertrag. Wenn aber auch nur ein einziges ­Detail abweicht, lehnt der Versicherer möglicherweise ab, schließt bestimmte häufige Risiken aus (etwa Rückenleiden oder psychische Erkrankungen), oder die Prämie schnellt in die Höhe.

Wie groß diese Prämienunterschiede sein können, hat die Ratingagentur Franke und Bornberg bei ­einem Versicherer exemplarisch he­rausgefunden. Wenn ein Einzelhandelskaufmann statt zu 76 Prozent nur zu 70 Prozent im Büro arbeitet, zahlt er sage und schreibe mehr als das Doppelte der ursprünglichen Prämie. Denn: Bürotätigkeit gilt bei den Versicherern als besonders gesundheitsschonend.

Doch was tun, wenn ein Vertragsabschluss nicht oder nur zu untragbar hohen Prämien gelingt? Dann gibt es eine Reihe von Alternativen. All diese Policen bieten - wenn man die Parallele zum Auto zieht - quasi eine Teilkaskolösung mit unterschiedlichen Umfängen, während Berufsunfähigkeitspolicen der Vollkaskoschutz für die Arbeitskraft sind. Zu den jeweiligen Alternativen hat Franke und Bornberg gute Tarife herausgesucht.

Berufsunfähigkeitsversicherung
Hier ist die konkret ausgeübte ­Tätigkeit des Versicherten entscheidend. Es besteht also ein direkter Bezug zu dem Beruf, der vor der Beeinträchtigung ausgeübt wurde. Geld gibt es normalerweise, wenn die Tätigkeit wegen Krankheit, Verletzung oder einem Kräfteverfall, der stärker ist als dem Lebensalter angemessen, zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausgeübt werden kann.

Erwerbsunfähigkeitspolice
Sie leistet wie die gesetzliche Absicherung nur an denjenigen, der keine Erwerbstätigkeit länger als drei Stunden täglich ausüben kann. Der zuvor praktizierte Beruf spielt dabei keine Rolle. Der Schutz ist viel preiswerter als eine Berufsunfähigkeitsversicherung und ist unter anderem für viele Selbstständige geeignet. Für Menschen mit unbezahlter Tätigkeit wie Hausfrauen oder mit ­risikoreichen Berufen wie Dachdecker oder bei Vorerkrankungen ist das oft die einzige Möglichkeit der Absicherung.
Tarifbeispiele: Nürnberger (Invest­ment BasisErwerbsausfall-Versicherung nach Tarif IBA 2700), Continentale (EU-Vorsorge Premium), HDI (SEU EGO Basic).

Schwere-Krankheiten-Schutz
Sie wird auch Dread-Disease-Versicherung genannt und leistet bei vertraglich definierten schweren Erkrankungen (beispielsweise Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall) eine vereinbarte Versicherungssumme auf einen Schlag. Psychische Leiden und Rückenerkrankungen, häufige Gründe für einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Beruf, sind normalerweise nicht abgedeckt. Ob Sie trotz der Erkrankung noch arbeiten können, spielt für die Zahlung keine Rolle. Genau wie für die Berufsunfähigkeitsversicherung müssen Kunden auch für eine Schwere-Krankheiten-Versicherung Gesundheitsfragen beantworten. Doch hat die Zeitschrift "Finanztest" herausgefunden, dass die Annahmericht­linien etwas weniger streng sind.
Tarifbeispiele: Canada Life (Schwere Krankheiten Vorsorge), Die Bayerische (Premium Protect), Gothaer (Perikon).

Privater Unfallschutz
Eine Unfallversicherung leistet im Fall einer dauernden Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit infolge eines Unfalls. Unter "dauerhaft" verstehen die Versicherer in der Regel eine Zeitspanne von mindestens drei Jahren. Ein Bezug zur Erwerbstätigkeit besteht nicht, Beeinträchtigungen durch Krankheiten bleiben ebenfalls unberücksichtigt. Vom Grad der Invalidität hängt es nach einem Unfall ab, welchen Teil der vereinbarten Geldsumme Versicherte erhalten. Der Haken: Nicht Unfälle, sondern Krankheiten wie Depressionen oder Rückenleiden sind die wichtigsten Gründe für vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben.
Tarifbeispiele: Interrisk (Konzept XXL), Janitos (Balance), Haftpflichtkasse Darmstadt (Komfortschutz Plus), Ammerländer (Excellent), Ostangler (Exclusiv Fair Play).

Grundfähigkeitsversicherung
Sie leistet bei Verlust bestimmter Grundfähigkeiten wie Sehen, Hören, Sprechen, Gehen, aber auch Autofahren sowie bei Pflegebedürftigkeit. Auch der Verlust bestimmter ­intellektueller Fähigkeiten ist oft versichert. Aus welchen Gründen der Verlust eintritt, ist für die Rentenzahlung unerheblich, ebenso, ob jemand durch den Verlust der Fähigkeiten weiterhin arbeiten kann oder nicht. Die Kriterien für eine Rentenzahlung sind sehr streng. Voraussetzung ist, dass der Versicherte die ­Fähigkeiten voraussichtlich für mindestens ein Jahr und auch meist vollständig eingebüßt hat. Das bedeutet beispielsweise: Wer nur leichte Schwierigkeiten mit dem Sprechen hat, bekommt meist keine Rente, kann seinen Beruf vielleicht aber - gerade bei zahlreichen Kundenkontakten am Telefon - trotzdem nicht mehr ausüben.
Tarifbeispiele: Canada Life (Grundfähigkeitsversicherung), WWK (Selbstständige Grundfähigkeitsversicherung Komfort).

Funktionsinvaliditätsschutz
Die Policen heißen auch Multirisk-Versicherungen und schließen üblicherweise eine Grundfähigkeitsversicherung ein. Der Schutz ist je nach Tarif erweitert um Pflegebedürftigkeit, Unfallinvalidität, Leistungen bei schweren Erkrankung oder ­Organschäden sowie im Todesfall. Die Voraussetzungen für eine Rentenzahlung sind sehr streng. Die Krankheit muss einen bestimmten Schweregrad haben. Die Versicherer verlangen meist, dass die körperlichen Beeinträchtigungen dauerhaft und nicht heilbar sind, ehe sie zahlen. Zum Teil müssen zudem mehrere Fähigkeiten gleichzeitig verloren gehen, bevor Geld fließt.
Manche Angebote sind nach Art einer Lebensversicherung gebaut. Das heißt, der Versicherer kann den Vertrag üblicherweise nicht kündigen und auch die Prämien nicht ­erhöhen. Überschüsse aus der Kapitalanlage senken die Prämien.
Tarifbeispiele: Allianz (Körperschutzpolice), Nürnberger (Handwerkerschutz).

Bei Offerten nach Art der Sachversicherung kann der Versicherer jährlich kündigen und Prämien erhöhen. Tarifbeispiele: AXA (Existenzschutzversicherung), Barmenia (Opti5Rente), VPV (Vital).