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Weblog - China live: Um 12 Uhr schlafen bei Ikea

15.11.09 16:46 Uhr

Was in jedem deutschen Möbelhaus mindestens peinlich berührtes Kopfschütteln anderer Kunden sowie kreischende Verkäuferinnen zur Folge hätte, ist in den sieben chinesischen Ikea-Filialen mittägliche Normalität.

Nach einem großen Teller Kotböller, äh: Kötbollar, im Ikea-Restaurant kann man schon mal etwas müde werden. Also nichts wie rüber in die Matratzenabteilung, ein freies Bett finden oder sich zur Not einfach irgendwo dazu legen. Schön zudecken und erstmal ein kleines Mittagsschläfchen machen. Ach ja, vorher bitte noch die Schuhe ausziehen und ordentlich in einer Reihe vor dem Bett aufstellen.

Was in jedem deutschen Möbelhaus mindestens peinlich berührtes Kopfschütteln anderer Kunden sowie kreischende Verkäuferinnen zur Folge hätte, ist in den sieben chinesischen Ikea-Filialen mittägliche Normalität. Punkt 12 Uhr versammeln sich die ersten schläfrigen Kunden, um sich in Malm, Hopen oder Heimdal auszuruhen.

Wer keinen Platz mehr in der Bettenabteilung findet, geht einfach rüber zu den Sofas. Aber man muss schnell sein. Ab 12.30 Uhr ist hier nicht mal mehr ein Sessel frei. Überall wird geschnarcht und gerne – immerhin handelt es sich ja um ein Verdauungsschläfchen – auch mal laut gefurzt.

Während westliche Kunden fassungslos durch die in Schlafsäle verwandelten Ausstellungsräume gehen, stört sich vom Ikea-Personal niemand an dem seltsamen Anblick. “Ich musste drei Leute wecken, weil ich ein Schlafsofa kaufen und vorher mal kurz Probeliegen wollte”, erzählt eine deutsche Kundin. Aufgestanden sei aber keiner, nur etwas zur Seite gerückt.

Immerhin ist Ikea gelungen, woran andere westliche Unternehmen in China schon oft gescheitert sind: Die Chinesen fühlen sich ganz offensichtlich wohl mit der schwedischen Marke. Vielleicht liegt das auch am Namen. Das Möbelhaus heißt hier “Yi Jia”, übersetzt “Passend für dein Haus”. Und da Chinesen großen Wert darauf legen, dass auch westliche Produkte eine chinesische Bezeichnung bekommen, ist die Wahl des Namens oft entscheidend für den Erfolg. Zumindest sollte er Sinn machen und für die lokalen Konsumenten aussprechbar sein.

Yi Jia ist seit 1998 in China und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Ähnlich wie in Europa findet man – zumindest in großen Städten – kaum noch einen jungen Haushalt, in dem nicht wenigstens ein Ikea-Produkt zu finden ist. Die Filialen in Shanghai und Beijing gehören nach Absatzzahlen zu den Top 10 aller Ikea-Häuser weltweit.

Die Gesamtumsätze für China rangieren derweil noch im unteren Bereich. 2008 betrugen sie umgerechnet etwa 272.65 Millionen Euro, gerade mal gut ein Prozent des weltweiten Ikea-Absatzes von 21,2 Milliarden Euro. Längerfristig dürfte sich das allerdings ändern. Das Unternehmen plant, jedes Jahr mindestens zwei neue Filialen in China zu eröffnen. Und bei der Größe des Landes ist es nur schwer vorstellbar, wo das hinführen könnte. In Europa gibt es immerhin schon 183 Läden, in Nordamerika 46 und weltweit 253.

Damit die Chinesen den Aufstieg Ikeas im eigenen Land nicht verpennen, werden sie gegen 13.30 Uhr von freundlichen Verkäuferinnen geweckt. Die Kissen werden aufgeschüttelt, die Betten neu gemacht. Um 14 Uhr hat der Spuk ein Ende. Nur gut, dass über den Ausstellungs-Toiletten in den Schaubädern ein Hinweisschild hängt: Bitte nicht benutzen!

PS: Zu diesem Thema empfehle ich die Website www.sleepingchinese.com