Alles neu macht der Merz oder die Illusion der Aktion

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass sich in diesen Tagen vor unseren Augen Weltgeschichte vollzieht. "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster", lautet das Zitat, welches dem italienischen Schriftsteller und Politiker Antonio Gramsci zugeschrieben wird.
Alte und vertraute Werte sowie sicher geglaubte Verlässlichkeit sind zerbrochen. Sie tragen nicht mehr. Obwohl uns in Deutschland schon länger klar sein musste, dass wir uns in Fragen der Sicherheit nicht mehr auf die USA verlassen können, blieben wir tatenlos. Wir vertrauten zu lange auf das transatlantische Bündnis und darauf, dass die USA uns schon verteidigen werden, wenn es erforderlich sein wird. Nun haben wir das Gefühl, mutterseelenallein dazustehen.
Das Gefühl der Ohnmacht hat uns übermannt. Eine neue Regierung, die noch nicht einmal im Amt ist, beschließt mit der Mehrheit eines abgewählten Parlaments ein gewaltiges Schuldenpaket, welches in dieser Form in der bundesdeutschen Geschichte einmalig ist. Mit der Zustimmung des Bundesrats ist der Weg zu Hunderten von Milliarden neuer zusätzlicher Schulden frei. Mit dem Geld soll die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes erhöht und unsere marode Infrastruktur instandgesetzt werden. Doch was uns vor allem fehlt, ist eine Aufbruchstimmung und Optimismus für die Zukunft.
Angst als schlechter Ratgeber
Welche Werte wollen wir in Europa verteidigen? Was ist unsere Vision für unser Land und unseren Kontinent? Man kann vielmehr den Eindruck gewinnen, dass Angst das Handeln der Entscheidungsträger in diesen Tagen prägt - so wie in der Corona-Zeit oder beim Atomunfall in Fukushima. Wir haben damals sofort reagiert und sind aus der Atomenergie ausgestiegen, ohne uns die Zeit zu geben, um nach sinnvollen und möglichen Alternativen zu suchen.
Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Die Kriegsangst wird ganz massiv geschürt! Sie mündet in einem Aktionismus, der die Kreditwürdigkeit Deutschlands erheblich verschlechtern könnte, wenn die Schulden nicht mit strukturellen Reformen verbunden werden. Dieser gewaltige keynesianische Impuls ohne Beispiel könnte beinahe wirkungslos verpuffen und lediglich ein konjunkturelles Strohfeuer entfachen. Ich sehe sogar die Gefahr, dass mit dem vielen Geld notwendige Maßnahmen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen verzögert oder gar verhindert werden, weil sie mit Schmerzen, tiefen Einschnitten und Veränderungen verbunden sein werden. Ich vermisse den Aufruf zur Sparsamkeit an anderer Stelle und den großen Plan, wofür das Geld genau ausgegeben werden soll.
Auswirkungen auf die Kapitalanlage
Aus Anlegersicht ist der reale Kapitalerhalt die zentrale Aufgabe des Vermögensverwalters. Es ist naiv zu glauben, dass diese massive Zunahme der Verschuldung dies- und jenseits des Atlantiks nicht über kurz oder lang in einer signifikant gestiegenen Inflation münden wird. Hinzu kommt die Zollpolitik von Donald Trump. Seine Ankündigung von 25 Prozent auf alle Auto-Importe drückt auf die Weltkonjunktur und belastet neben den Automobilwerten auch andere exportorientierte Aktien. Auch wenn Trump an dem eigenen Ast sägt, auf dem er selbst sitzt, ist nicht davon auszugehen, dass sich seine Haltung kurzfristig grundlegend ändert. Beide Faktoren, die ausufernde Verschuldung und die Zollpolitik Trumps, wirken langfristig inflationär. Wenn die beiden großen Notenbanken FED und EZB diese Politik mit Zinssenkungen und einer lockeren Geldpolitik zusätzlich unterstützen, dann sind Anleger gut beraten, höhere Inflations- und Renditeerwartungen bei ihrer Anlagestrategie stärker zu berücksichtigen.
Was sind die wichtigsten Auswirkungen auf die Anlageklassen?
1.Aktien: genießen einen gewissen Inflationsschutz, wenn Unternehmen in der Lage sind, die gestiegenen Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. Bei den großen exportorientierten Werten besteht derzeit die Gefahr, dass die Zölle nicht ohne Weiteres an die Verbraucher durchgereicht werden können, auch wenn einige Firmen in den USA direkt produzieren. Die Unsicherheit an den Märkten ist gestiegen. Dennoch liegen besonders im Bereich von globalen Value-Aktien Chancen, attraktive Titel mit stabilen Geschäftsmodellen zu günstigen Bewertungen zu finden.
2.Anleihen: sind zuletzt wieder deutlich attraktiver geworden. Innerhalb eines Monats sind die Renditen für zehn-jährige Bundesanleihen von 2,40 Prozent vorübergehend bis auf 2,90 Prozent angestiegen. Das deutsche Schuldenpaket hat die Renditen deutscher Anleihen prozentual so stark ansteigen lassen wie 1990 bei der Wiedervereinigung. Auch die US-Treasuries sind attraktiver geworden. Anleger erhalten inzwischen 4,30 Prozent für zehnjährige und sogar 4,70 Prozent für 30-jährige Anleihen. Damit werden die Inflationsrisiken ordentlich vergütet.
3.Gold: Trotz des deutlichen Anstiegs des Goldpreises im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent bleibt das Edelmetall ein wichtiger Portfoliobaustein. Gold erfüllt die Aufgabe der Risikostreuung wie eine Währung. Notenbanken kaufen derzeit verstärkt lieber Gold als US-Treasuries, da man jederzeit mit amerikanischen Sanktionen rechnen muss. Auch wenn der Preisanstieg künftig langsamer verlaufen dürfte, dient Gold als sicherer Hafen in Zeiten geopolitischer Verwerfungen und zunehmender Staatsverschuldung.
Fazit: Chancen in schwierigen Zeiten
Für einen Anleger, der ein gemischtes Portfolio verwaltet, bietet die derzeitige Gemengelage mehr Chancen, als man angesichts der Weltlage meinen würde. Denn Zinspapiere werfen deutlich mehr ab als noch in den vergangenen Jahren, und bei den Aktien lässt sich ein attraktives, günstig bewertetes globales Portfolio zusammenstellen. Die Weltwirtschaft wächst auch in diesem Jahr weiter. Für die USA geht man momentan von 1,7 Prozent Zuwachs aus, und in Asien dürfte das BIP real um etwa 4,7 Prozent zulegen. Nur in Europa stottert der Motor.
Bei einer weltweiten Ausrichtung sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen sollten auch in den kommenden Jahren attraktive Wertentwicklungen erzielbar sein. Behalten wir also einen kühlen Kopf und bleiben gelassen. Auch wenn wir die neue Welt noch nicht kennen, so dürfen wir die Monster in unserem Kopf in die Schranken weisen.
Diesen und weitere Vermögensverwalter mit Ihren Meinungen und Online-Anlagestrategien finden Sie auf https://www.v-check.de/
von Wolfgang Juds, Geschäftsführer der CREDO Vermögensmanagement GmbH in Nürnberg
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