Italien-Drama: Die Folgen für die Märkte und den Euro
Die Regierung in Rom soll die EU-Kommission bis 13. November mit einem neuen Budgetentwurf überzeugen. An den Finanzmärkten wächst die Ungeduld.
von Raja Korinek, Euro am Sonntag
Stürmische Zeiten in Italien: Starke Regenfälle sorgten für schwere Überflutungen und Erdrutsche. Eine heftige Unwetterfront in Brüssel löste wiederum der Budgetentwurf der neuen Regierung aus.
Die EU-Kommission lehnte den Plan am 23. Oktober ab - zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Begründung: Der Haushaltsplan der Italiener stelle eine klare Abweichung von den gemeinsam beschlossenen Regeln dar. Die Regierung in Rom schlägt für das kommende Jahr eine Neuverschuldung von 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vor, 2020 wurde sie bei 2,1 Prozent, im Jahr darauf bei 1,8 Prozent angesetzt.
Das wäre zwar geringer als die von der EU erlaubten maximalen drei Prozent, überzeugen konnte das Zahlenwerk die Brüsseler Kommissare trotzdem nicht. Womit sie nicht allein dastehen. Knackpunkt ist, dass die Rechnung auf einem Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent für 2019 basiert. "Die Prognosen sind zu optimistisch", findet Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisen Bank International. Denn wenn das Wachstum schwächer ausfällt, sind die genannten Neuverschuldungsquoten viel zu optimistisch.
Auch Italiens enormer Schuldenberg ist wenig hilfreich. Die Staatsverschuldung hat mehr als 130 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht, nur Griechenland ist innerhalb der EU höher verschuldet. Eigentlich wäre in der Eurozone eine Schuldenquote von höchstens 60 Prozent erlaubt. Italien ist zwar nicht das einzige Mitglied, das die Marke schon länger überschritten hat, doch bei anderen Ländern ist der Trend allmählich rückläufig. Brüssel ist jedoch skeptisch, ob Italien mit dem aktuellen Budget ein Schuldenabbau gelingt.
Es sind aber nicht die Zahlen allein, an denen Experten sich stoßen. Auch den geplanten Reformvorhaben kann Raiffeisen-Ökonom Brezinschek wenig abgewinnen. Darin sind etwa die Einführung einer Mindestsicherung sowie die Senkung des Pensionsalters und der Steuern vorgesehen. "So treibt man das Wirtschaftswachstum nicht nachhaltig an", moniert der Ökonom. Er vermisse mehr Investitionen etwa in Bildung, vor allem aber klare Strukturreformen, um die Produktivität anzukurbeln.
Die Eskalation rund um den Budgetentwurf schlägt auch auf die Finanzmärkte durch. Die Kurse italienischer Staatsanleihen sind unter Druck geraten, die Renditen deshalb angestiegen. Zehnjährige Papiere - ein geläufiger Indikator für Anleger - rentieren nun mit 3,4 Prozent. Für neue Schulden muss der italienische Staat tiefer in die Tasche greifen. Ein Umstand, der zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kommt.
Während manch ein Mitgliedsland das historisch niedrige Zinsniveau nämlich dazu nutzte, möglichst lang laufende Staatsanleihen zu begeben, hatte Italien eine Menge Bonds mit kürzeren Laufzeiten aufgelegt. "Bis vor Kurzem waren die Zinsen bei diesen Laufzeiten auch in Italien negativ, das wollte man ausnutzen", erklärt Brezinschek. Man bekam also für das Schuldenmachen auch noch Geld. Doch die Zeiten sind nun vorbei.
Ratingabstufungen bergen Risiken
Verständlich, dass auch die drei großen US-Ratingagenturen das Geschehen genau beobachten. Sowohl S & P als auch Fitch senkten den Ausblick auf "negativ", eine Abstufung könnte also folgen. Mit "BBB" liegen die Noten der zwei Agenturen noch im Investment-Grade-Bereich, zwei Bonitätsstufen darunter beginnt aber das Hochzinssegment, auch als Ramsch bezeichnet. Moody’s stufte die Bonität auf "Baa3" herab, nur eine Note über Ramsch-Status. Der Ausblick wurde aber von "negativ" auf "stabil" geändert. Das verschafft eine Verschnaufpause, denn der Ausblick werde immer erst nach mehreren Monaten neu bewertet, erklärt Christian Gaier, Leiter des Fondsmanagements für Staatsanleihen bei Erste Asset Management.
Enger wird es dennoch. Italien müsse gut darauf achten, nicht ins Hochzinssegment abzusinken, mahnt Gaier: "Die Anleihen würden dann aus jenen Indizes herausfallen, die keine Hochzinsanleihen enthalten dürfen." Passive Indexfonds müssten nachziehen und ihre Bestände verkaufen. Auch viele Großanleger, etwa Banken und Versicherungen, dürfen darin nicht investieren.
Dabei halten vor allem Italiens Banken mit rund 40 Prozent den Großteil der Staatsanleihen. Fabrizio Pagani hält die bei italienischen Banken wahrgenommenen Risiken aber für übertrieben. Der Chefvolkswirt bei Muzinich & Co., einem auf Anleihen spezialisierten Vermögensverwalter, betont, dass die Finanzinstitute weit solider dastehen als vor wenigen Jahren. Auch den Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht konnten Italiens Geldhäuser durchaus meistern.
Bleibt die Frage, wie es am 13. November weitergeht, wenn Italien einen überarbeiteten Budgetentwurf vorlegen muss. Pagani hält eine Übereinkunft für denkbar und kann sich den schrittweisen Abbau der Differenzen zwischen beiden Parteien vorstellen: "Italien hat den Spielraum, Reformen durchzuführen und gleichzeitig die Verschuldung zu senken, um so eine größere Haushaltsdisziplin zu demonstrieren."
Momentan schalten die Italiener jedoch auf stur. Auch die EU hat vergangenen Montag beim Treffen der Finanzminister nochmals ihre harte Linie betont. Andernfalls dürfte ein Defizitverfahren eingeleitet werden. Doch das zieht sich über viele Monate. Bis dahin könnte wohl eher der Finanzmarkt als Korrektiv fungieren. Denn auch ein Vertrauensverlust der Anleger kann kostspielig sein.
Investor-Info
iShares Italy Gov. Bond ETF
Wetten auf ein Einlenken
Die Kurse italienischer Staatsanleihen haben aufgrund des Budgetstreits zwischen Rom und Brüssel stark korrigiert. Dass Italien den Konfrontationskurs beibehalten wird, glauben nicht alle Experten. Ein Einlenken würde jedenfalls zu einer Kurserholung bei den italienischen Staatsanleihen führen. Mutige Anleger können darauf mit diesem ETF setzen.
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