Vermögensverwalter-Kolumne

Die Nervosität steigt - Panik bleibt aus

11.05.26 10:16 Uhr

Die Nervosität steigt - Panik bleibt aus | finanzen.net

Der Iran-Krieg sorgt für massive Verwerfungen an den Rohstoff- und Kapitalmärkten. Das Gespenst der Stagflation geht um: Die Inflationsgefahr nimmt zu, gleichzeitig schwinden die Wachstumshoffnungen. Risikomanagement ist in diesen unsicheren und volatilen Zeiten oberstes Gebot.

Drei Monate genügen, um ein Börsenjahr wie eine halbe Ewigkeit erscheinen zu lassen. Doch aktuell dominiert ein Thema alles: der Iran-Krieg - und mit ihm ein rasanter Anstieg der Energiepreise. Die Märkte preisen zunehmend ein Szenario ein, das Anleger nicht hören wollen: Stagflation.

Der Ölpreis ist von 73 auf zeitweise fast 120 US-Dollar gestiegen. Die Reaktion der Märkte bleibt dennoch erstaunlich kontrolliert. Die Nervosität nimmt zu, doch von Panik ist wenig zu sehen. Offenbar setzt der Markt weiterhin auf eine schnelle Lösung des Konflikts. Ob diese Hoffnung trägt, ist offen.

Ein Angebotsschock mit Langzeitwirkung

Die Blockade der Straße von Hormus trifft die Weltwirtschaft ins Mark. Rund zwanzig Prozent des globalen Öl- und LNG-Handels laufen durch diese Route. Gleichzeitig wurde zentrale Energieinfrastruktur im Nahen Osten beschädigt. Die Internationale Energieagentur spricht bereits von der größten Angebotsstörung der Geschichte.

Selbst bei einem baldigen Waffenstillstand bleibt der Schaden bestehen. Der Wiederaufbau wichtiger Anlagen dürfte Jahre dauern. Damit wächst das Risiko dauerhaft höherer Energiepreise - mit direkten Folgen für Unternehmen, Konsumenten und Kapitalmärkte. Hinzu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Effekt: gestörte Agrarlieferketten. Fehlende Düngemittel treffen auf enge Pflanzzyklen. Was jetzt nicht gesät wird, fehlt später auf den Märkten. Die Konsequenz sind steigende Lebensmittelpreise - und zusätzlicher Inflationsdruck.

Inflation frisst Wachstum

Die OECD erwartet für die G20-Staaten im Jahr 2026 eine Inflationsrate von vier Prozent - deutlich mehr als noch vor wenigen Monaten prognostiziert. Energie verteuert Produktion, Transport und Konsum zugleich. Unternehmen geben Kosten weiter, Verbraucher halten sich zurück.

Die bekannte Wirkungskette greift: steigende Kosten, sinkende Investitionen, schwächerer Konsum. Am Ende steht ein deutlich gedämpftes Wachstum. Europa trifft dies besonders hart. Die Abhängigkeit von Energieimporten macht die Region anfällig. Die Hoffnung auf einen Aufschwung ist vorerst vertagt. Auch die USA verlieren an Dynamik. Das Wachstum wurde zuletzt auf magere 0,7 Prozent revidiert. Stützend wirken vor allem die hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz - ein Lichtblick in einem zunehmend eingetrübten Umfeld.

Versteckte Risiken im Schattenmarkt

Während die Aufmerksamkeit auf den Energiemärkten liegt, wachsen die Risiken an anderer Stelle: bei Private Assets. Viele Investments konzentrieren sich auf Software-Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz zunehmend infrage gestellt werden. Hinzu kommen hohe Verschuldungsgrade. Erste Fonds haben bereits Rücknahmen eingeschränkt oder gestoppt. Das zeigt: Die vermeintliche Stabilität dieser Anlageklasse ist trügerisch. Im Falle größerer Ausfälle drohen Ansteckungseffekte auf das Finanzsystem.

Zentralbanken zwischen den Fronten

Die Notenbanken stehen vor einem Dilemma. Der Inflationsdruck ist hoch, resultiert jedoch aus einem Angebotsschock. Klassische Zinserhöhungen greifen hier nur begrenzt. Entsprechend agieren EZB und FED bislang zurückhaltend. In Europa besteht mehr Spielraum als noch im Jahr 2022. In den USA hingegen könnte politischer Druck mittelfristig zu Zinssenkungen führen - insbesondere bei weiter schwächelndem Wachstum.

Ruhig bleiben, Risiken steuern

Was bedeutet das für Anleger? Vor allem eines: Ruhe bewahren. Geopolitische Krisen haben in der Vergangenheit selten dauerhafte Börsenschäden hinterlassen. Oft waren Verluste innerhalb von drei bis sechs Monaten wieder aufgeholt. Dennoch ist Vorsicht geboten. Wir erwarten eine Phase der Stagflation in Europa und den USA. In einem solchen Umfeld gewinnt Risikomanagement an Bedeutung. Große, hektische Umschichtungen sind dagegen selten sinnvoll.

Der Fokus bleibt auf Qualität: Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen, solider Bilanz und klarer Wettbewerbsposition. Im Anleihebereich dominiert weiterhin eine defensive Ausrichtung. Gold bleibt trotz kurzfristiger Schwankungen ein strategischer Baustein. Gleichzeitig rücken Rohstoffe stärker in den Blick. Die aktuelle Krise dürfte Staaten und Unternehmen dazu zwingen, ihre Versorgungssicherheit neu zu bewerten. Höhere Lagerbestände und strukturell steigende Nachfrage könnten die Märkte langfristig prägen.

Fazit: Die Nervosität ist berechtigt. Panik wäre es nicht.

von Lars Murek, CIO, Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH

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