Stahlbranche

Mittal kocht den Wettbewerb ab

15.06.10 14:00 Uhr

Eisenerz und Kohle haben ihren Preis. Mit hohen Eigenreserven bei Eisenerz und Kokskohle kann sich der Branchenprimus der Stahlindustrie, ArcelorMittal, dem Preisdiktat der Rohstoffkonzerne entziehen.

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von Klaus Schachinger, €uro am Sonntag

Dieses Mal, hofft Lakshmi Mittal, wird der Zugang seines Unternehmens zum indi­schen Markt besser funktionieren. Stolz verkündete der Chef des weltweit größten Stahlkonzerns ArcelorMittal vor wenigen Tagen auf einem prominenten Unternehmertreffen mit Vertretern der Regierung der indischen Provinz Karnataka, dass man sowohl die Zuweisung der Grundstücke für den Bau eines neuen Stahlwerks habe als auch die Zusage, dass der Ausbau der Infrastruktur für das neue Werk von den Behörden jetzt zügig bearbeitet werde.

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Was angesichts einer milliardenschweren Investition selbstverständlich klingt, ist in Indien mit seinem mächtigen Bürokratieapparat ein wichtiger Etappensieg. Denn in anderen Provinzen, wo ArcelorMittal und andere Stahlkonzerne ebenfalls neue Werke bauen wollen, blockiert die Weigerung der Bevölkerung, Land zu verkaufen, bisher Projekte im Gesamtwert von 67 Milliarden Dollar. Das zwingt die Unternehmen dort seit fünf Jahren in eine zermürbende Warteschleife. Bangalore, die Hauptstadt der Provinz Karnataka im Süden des Landes, ist allerdings das Zentrum der indischen und internationalen Computerindustrie und für seine Offenheit bei Investi­tionen ausländischer Unternehmen weltweit bekannt.

Diese positive Stimmung will Mittal nutzen, um für mehr als fünf Milliarden Euro ein neues Stahlwerk zu bauen. Zugleich nutzt der Inder das neue Projekt, um den Druck auf die Behörden in den anderen Provinzen zu erhöhen. Sollte sich abzeichen, dass es in Karnataka gut vorangeht, werde man diesem Projekt oberste Priorität einräumen. „Der Vorsprung der Schwellenländer gegenüber dem wirtschaftlichen Wachstum der Industriestaaten ist seit dem Ende der Wirtschaftskrise größer geworden“, sagt Bill Scotting, Strategiechef des Konzerns, im Gespräch mit dieser Zeitung. Vor allem dort sieht Scotting deshalb die langfristigen Wachstums­chancen für den Konzern. „Bei den aufstrebenden Volkswirtschaften außerhalb Chinas, wo rund vier Milliarden Menschen leben, erleben wir ein wirtschaftliches Wachstum mit einem überdurchschnittlich hohen Stahlverbrauch.“

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Neben China sehe man jetzt auch in Brasilien, Indien und im Nahen Osten starkes Wachstum. Von dem Investitionsbudget für 2010, vier Milliarden Dollar, werde deshalb eine Milliarde Dollar in Schwellenländerprojekte fließen, sagt der Strategiechef des Branchenprimus. Dort ist der Luxemburger Konzern, der in diesen Regionen gut 30 Prozent von 65 Milliarden Euro Gesamtumsatz (2009) erwirtschaftet, bereits stärker aufgestellt als die westliche Konkurrenz. Stahlbaron Mittal setzt da­rauf, dass in vier bis fünf Jahren 70 Prozent des Stahls in Schwellenländern gekocht werden. Parallel zu dem Fünf-Milliarden-Euro-Projekt in Indien baut der Konzern deshalb für vier Milliarden Euro seine Stahl- und Eisenerzproduktion in Brasilien aus. Der Abbau von Eisenerz soll dort bis 2014 von fünf auf 15 Millionen Tonnen verdreifacht werden.

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In den Industrieländern investiert der Konzern in Dienstleistungen und den Ausbau des Sortiments. „Wir schließen nicht aus, dass wir in einzelnen Segmenten zukaufen werden“, sagt Scotting in Bezug auf den Kauf der Becker Gruppe durch den börsennotierten Stahlhändler Klöckner & Co. Mit Blick auf kartellrechtliche Einschränkungen liege der Schwerpunkt hier allerdings nicht auf Zukäufen, sondern auf der Weiterentwicklung der Produkte. Die kontrovers diskutierte Verkürzung der Lieferverträge für den wichtigen Rohstoff Eisenerz will der Konzern auch bei Kunden aus Branchen wie Autoindustrie durchsetzen, wo bisher jährliche Laufzeiten üblich sind. „Wir arbeiten daran, das neue Preismodell zu übertragen“, sagt Scotting. Diplomatisch fügt er hinzu, dass dies in enger Kooperation mit den Kunden geschehe.

Von der drastischen Erhöhung der Preise für Eisenerz, zuletzt um mehr als 90 Prozent, ist der Branchenprimus deutlich weniger betroffen als die meisten Konkurrenten in den Industrieländern. Die Selbstversorgung mit dem wichtigen Rohstoff Eisenerz deckte 2009 rund 64 Prozent des Eigenbedarfs ab. Pro Jahr fördert ArcelorMittal 50 Millionen Tonnen Eisenerz. „Mehr Kontrolle über die Rohstoffe zur eigenen Stahlherstellung reduziert für uns die Schwankungen bei Preisen und Kosten deutlich“, sagt Scotting. Der Kauf von Minenbetreibern und Schürfrechten stehe permanent auf der Agenda.

Mit einer Verdopplung der Eisenerzförderung auf 100 Millionen Tonnen bis 2015 soll der Selbstversorgungsgrad auf 75 Prozent steigen. Bereits jetzt ist ArcelorMittal der viertgrößte Eisenerzlieferant weltweit. Die Eigenproduktion entspricht zehn Prozent der Nachfrage. Die Nummer 1, der bra­silianische Eisenerzriese Vale do Rio Roce, deckt 33 Prozent ab, Rio Tinto und BHP Billiton kommen auf 20 beziehungsweise 17 Prozent.

Der hohe Anteil der Eigenversorgung bei Rohstoffen ist für Scotting allerdings kein Grund, bei Preiser­höhungen aus taktischen Gründen weniger aggressiv aufzutreten. „Wir wollen keine Quersubventionen zu Lasten der Marge. In beiden Bereichen müssen wir ausreichend ver­dienen, um uns die Investitionen leisten zu können.“ Allerdings dürfte es schwieriger werden, höhere Preise durchzubekommen. Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern Salzgitter hat große Mühe, die zum zweiten Quartal angekündigten Erhöhungen durchzusetzen. „Das gelingt uns bei einigen Kunden, bei anderen nicht“, sagte Konzernchef Wolfgang Leese am Dienstag am Rand der Hauptversammlung. Nach Monaten mit Zuwächsen ist der Auftragseingang bei Salzgitter im April und Mai wieder gesunken.

Ein Grund dafür dürften auch die Spekulationen um die Stabilität des Euro sein. „Die wachsende Unsicherheit bremst die fragile Erholung der Nachfrage in Europa zunehmend stärker“, sagt ArcelorMittal-Manager Scotting. Er will aber kein Schwarzmaler sein. Bisher sei 2010 ein deutlich besseres Jahr als 2009.

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Stahlbaron Lakshmi Mittal geht davon aus, dass China in vier bis fünf Jahren Konzerne mit einer Jahresproduktion von 50 bis 70 Millionen Tonnen Stahl haben wird. 2008 kam Baosteel, die Nummer 1 im Reich der Mitte, auf 38 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr. Nach Einschätzung der Marktforscher von Steel Dynamics soll Chinas Stahlverbrauch 2010 um knapp sieben Prozent auf 579 Millionen Tonnen steigen. Die weltweite Stahlnachfrage soll dagegen um 10,7 Prozent zulegen. Die Stahlriesen in Europa, Amerika und Japan, deren Produktion 2009 um mehr als 30 Prozent eingebrochen ist, sind dem Preisdiktat der Rohstoffriesen ausgeliefert. Die haben zudem die Laufzeiten für Rohstoffverträge von einem Jahr auf drei Monate verkürzt. Das schränkt auch den Zeitraum der Stahlkonzerne für die Weitergabe steigender Kosten stark ein.

ArcelorMittal: Schwellenländer als Trumpf
Der Branchenprimus ist dank seiner hohen Eigenreserven bei Eisenerz und Kokskohle dem Preisdiktat der Rohstoffriesen weniger stark ausgesetzt wie etwa Salzgitter oder ThyssenKrupp. Beim Umsatz erwarten die Analysten von Goldman Sachs für 2010 ein Plus von 47 Prozent auf gut 96 Milliarden Euro. Ein Grund dafür: 30 Prozent Umsatzanteil in Schwellenländern. Der Nettogewinn soll um 145 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro steigen. Kaufen.

Salzgitter: Hohe Rohstoffkosten belasten
Eine verlässliche Prognose sei trotz weltweit anziehender Stahlmärkte kaum möglich, sagte Salzgitter-Chef Wolfgang Leese am Dienstag auf dem Aktionärstreffen. Ein nahezu ausgeglichenes Ergebnis für 2010 sei aber noch drin. Vom ursprünglichen Ziel, zweistelliger Millionengewinn vor Steuern, hatte sich der Konzern wegen hoher Rohstoffkosten bereits verabschiedet. Halten.

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