Chinas größte Baustelle: Unter neuem Reformdruck
Weil die Staatsbanken kaum noch Kredite an Privatunternehmen vergeben, ist der Schattenbankenmarkt in China gigantisch gewachsen. Parteichef Xi Jinping muss kräftig reformieren.
von Sabine Gusbeth, Euro am Sonntag
Diese beiden kosten 130.000 Renminbi“, sagt der Händler auf dem Antikmarkt Panjiayuan in Peking. Stolz streckt er dem ungläubigen Besucher zwei Nüsse entgegen, für die er allen Ernstes umgerechnet 16.000 Euro haben will. In seinem dicken, grauen Wollhandschuh liegen zwei große, fast identische Walnüsse. Zehn Jahre lang hat er sie in jeder freien Minute wie kleine Massagebälle in seiner Hand rotieren lassen, erzählt er. Durch den jahrelangen Gebrauch glänzt die Oberfläche der Nüsse nun dunkelbraun. Das Spielen mit den Nüssen ist eine alte Pekinger Tradition. Es steigert die Durchblutung — und den Preis.
Chinas Reiche haben Walnüsse
als Spekulationsobjekt entdeckt. Angeblich fast 250.000 Euro zahlte ein Sammler im vergangenen Jahr für ein besonders edles Walnuss-Paar. Manch ein Experte spricht bereits von einer Walnuss-Blase.
Erst Aktien, dann Immobilien, nun Walnüsse. Dass viele Wohlhabende ihr Geld in immer abstrusere Investitionsobjekte stecken, liegt nicht zuletzt an den staatlich gelenkten Banken. Dort bekommen Sparer nur Minizinsen, die den Wertverlust durch die Inflation nicht ausgleichen. Alternative Anlagemöglichkeiten gibt es kaum, weil das Finanzsystem stark reguliert ist. Also kaufen die Wohlhabenden Jade, Tee oder eben Walnüsse — und hoffen, dass der Wert steigt.
Doch nicht nur für Reiche bergen die staatlich festgelegten Zinsen ein Dilemma. Sie sind auch Gift für den Binnenkonsum. Wegen der geringen Zinsen müssen Normalverdiener noch mehr sparen, um sich für den Fall der Fälle abzusichern. Denn es gibt keine ausreichende soziale Absicherung. Wird ein Familienmitglied krank, müssen Arzt und Medikamente von den Ersparnissen bezahlt werden. Deshalb sparen Chinesen so eisern wie kaum ein anderes Volk der Welt. Jeden zweiten Renminbi legen sie zurück — auch wenn das angesichts der Dichte an Louis-Vuitton-Taschen in Peking oder Shanghai kaum zu glauben ist.
Das Geld der Sparer ist der Treibstoff, der die chinesische Wirtschaft am Laufen hält. Es wird in Form von billigen Krediten von den Banken an Unternehmen weitergereicht. Allerdings vergeben die Finanzinstitute die Kredite nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien, sondern dirigieren sie dahin, wo die zuständigen Parteikader sie haben wollen. Die Folgen sind überbordende Korruption, gigantische Fehlinvestitionen und Überkapazitäten bei ineffizienten Staatskonzernen, die mit billigem Geld überschwemmt werden.
Seit der Finanzkrise hat sich das Problem sogar noch verschärft: 2008 verabschiedete die Zentralregierung ein Konjunkturpaket von über 500 Milliarden US-Dollar, um einen Einbruch der Nachfrage aus dem Ausland abzufedern. Seitdem ist „Chinas Wirtschaft ein Kreditjunkie, der immer mehr Schulden braucht, um das gleiche Wachstum zu erreichen“, schreiben die Analysten Edward Chancellor und Mike Connelly von der US-Investmentfirma GMO.
Sie warnen, dass das Kreditwachstum im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum in China derzeit größer ist als der Kreditboom in Japan in den 80er-Jahren oder in den USA vor der Lehman-Pleite. Die Milliardenspritze, die als ein Zeichen der Stärke galt, hat fatale Folgen: Inzwischen ist knapp die Hälfte des Wirtschaftswachstums — im vergangenen Jahr waren es 7,8 Prozent — auf den künstlichen, staatlichen Stimulus zurückzuführen.
Kreditklemme bei Privatfirmen
Das allerdings widerspricht den Zielen des Fünfjahresplans, der bis 2015 umgesetzt werden soll. Darin haben Chinas Führer festgeschrieben, dass das Wirtschaftswachstum künftig stärker vom privaten Konsum getrieben werden soll, und dass das Land sich von der Werkbank der Welt mit Niedriglohnjobs zum Hightechstandort mit gut bezahlten Arbeitsplätzen entwickeln soll. Arbeitsplätze, wie sie vor allem private Unternehmen schaffen.
Denen jedoch wird zunehmend der Geldhahn zugedreht. Bei den meist kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) kommt von der Liquiditätsschwemme kaum etwas an. Auf sie entfällt nur knapp ein Fünftel des Kreditvolumens der Banken. Und das, obwohl sie nach jüngst veröffentlichten Zahlen 2011 ganze 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts schufen und 80 Prozent der Städter beschäftigen.
Ausgerechnet sie, die maßgeblich zu Chinas rasantem Aufstieg beigetragen haben, müssen sich das Geld für künftiges Wachstum anderweitig besorgen: illegal zu horrenden Zinsen bei Kredithaien etwa oder durch einen Börsengang im Ausland. Denn auch für sie ist der chinesische Kapitalmarkt keine Alternative. Anleiheemissionen und Börsengänge in Shanghai, Shenzhen oder Hongkong sind Staatsunternehmen und großen Privatkonzernen vorbehalten.
Die Folge: Der Schattenbankenmarkt mit privaten Geldgebern, aber auch außerbilanziellen Geschäften der Banken, hat sich seit 2008 vervierfacht und ist auf 20 Billionen Renminbi (rund 2,5 Billionen Euro) angeschwollen. Dieser unregulierte Finanzsektor sichert zwar das Überleben vieler Unternehmen, bedroht aber die Stabilität der chinesischen Wirtschaft. Platzt die Schattenbankenblase, wären Massenpleiten und -entlassungen sowie soziale Unruhen die Folge.
Die neue Regierung unter Staatschef Xi Jinping und Premierminister Li Keqiang, die im März antritt, ist sich des Risikos bewusst. Ein gutes Zeichen für den Reformwillen der neuen Parteiführung sind Gerüchte, dass der bisherige Zentralbank-Chef Zhou Xiaochuan wohl auch nach dem Regierungswechsel im Amt bleiben wird. Und das, obwohl er 65 Jahre alt ist und damit eigentlich zu alt für den Posten. Zhou gilt als Reformer. Auf einem Finanzforum Mitte November in Peking betonte er, die Zentralbank befürworte eine weitere Öffnung des Finanzsektors: „Wir brauchen einen Wandel von der Planwirtschaft zu einem marktwirtschaftlichen Ansatz.“ Eine für den westlichen Besucher des Forums überraschend deutliche Kritik am bisherigen System.
Drohender Machtverlust
Doch selbst wenn Zhou im Amt bleibt, dürfte es nur in kleinen Schritten zu Reformen kommen. Denn eine Liberalisierung des Finanzmarkts bedeutet ein Kontrollverlust für die Partei, die bisher bestimmt, wohin das Geld fließt. Die Widerstände bei den bisherigen Profiteuren des Systems sind groß.
In der Vergangenheit waren Chinas Machthaber meist erst zu Reformen bereit, wenn noch größeres Ungemach drohte. Wie in der südostchinesischen Stadt Wenzhou, wo 2011 wegen der Wirtschaftskrise das Schattenbankensystem in Schieflage geriet. Weil sie die Wucherzinsen nicht mehr bezahlen konnten, begingen einige Unternehmer Selbstmord. Erst da schritt die Regierung ein und machte Wenzhou zum Modellprojekt für eine Liberalisierung des Kreditmarkts.
Wie wenig die Chinesen selbst an grundlegende Reformen glauben, zeigt die massive Kapitalflucht im vergangenen Jahr. Während westliche Unternehmenschefs und Fondsmanager weiter von den fabelhaften Wachstumsaussichten in China schwärmen, haben wohlhabende Chinesen und Unternehmer allein von Juli bis September 2012 schätzungsweise fast 500 Milliarden Renminbi außer Landes gebracht oder in eine Fremdwährung investiert. Fragt sich, wer das Land wohl besser kennt?