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Wetten gegen den Markt

Short Selling: Wie Leerverkäufe funktionieren und warum sie riskant sind

Leerverkäufe sind eine riskante Wette auf fallende Kurse: Investoren verkaufen geliehene Aktien in der Hoffnung, sie später günstiger zurückzukaufen. Gelingt das, winken hohe Gewinne – doch wenn der Markt gegen sie läuft, können die Verluste ins Unermessliche steigen. Dieser Artikel erklärt, wie Short Selling funktioniert und welche Strategien es gibt. Das Wichtigste in Kürze direkt zu Beginn.

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Short Selling / Leerverkäufe – Das Wichtigste in Kürze

  • Short Selling ermöglicht Gewinne bei fallenden Kursen, birgt jedoch hohe Risiken, darunter unbegrenzte Verluste und Margin Calls.
  • Leerverkäufe spielen eine wichtige Rolle in den Finanzmärkten, indem sie zur Preisfindung beitragen, überbewertete Aktien korrigieren und in einigen Fällen Betrug aufdecken.
  • Alternativen wie Put-Optionen, inverse ETFs oder Pairs Trading bieten ähnliche Möglichkeiten, sind aber oft risikoärmer und für Privatanleger besser geeignet.
  • Tipp: Stark geshortete Aktien können unerwartet stark steigen, wenn viele Anleger gleichzeitig ihre Short-Positionen schließen müssen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Short Selling?

Short Selling, auch Leerverkauf genannt, ist eine Handelsstrategie, bei der ein Investor darauf spekuliert, dass der Kurs eines Wertpapiers fällt. Im Gegensatz zur klassischen Kaufstrategie, bei der Anleger Wertpapiere günstig erwerben und später teurer verkaufen (Long-Position), funktioniert Short Selling genau umgekehrt: Der Händler verkauft zuerst ein Wertpapier, das er nicht besitzt, mit der Absicht, es später zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen und dadurch einen Gewinn zu erzielen.

Definition von Short Selling / Leerverkäufen

Beim Leerverkauf leiht sich ein Investor Aktien oder andere Finanzinstrumente von einem Broker und verkauft diese sofort am Markt. Ziel ist es, die Wertpapiere später zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen und die Differenz als Gewinn einzustreichen. Anschließend gibt der Investor die geliehenen Aktien an den Broker zurück.

Dieses Vorgehen ist besonders bei professionellen Anlegern, Hedgefonds und institutionellen Investoren beliebt, kann aber auch für Privatanleger zugänglich sein, sofern ihr Broker Short Selling unterstützt.

Grundidee und Mechanismus des Short Selling

Der typische Ablauf eines Short Trades sieht folgendermaßen aus:

  1. Leihen der Aktien: Der Investor leiht sich Aktien von einem Broker, der diese aus seinem Bestand oder von anderen Kundenkonten zur Verfügung stellt.
  2. Verkaufen der geliehenen Aktien: Die geliehenen Aktien werden sofort zum aktuellen Marktpreis verkauft.
  3. Warten auf den Kursrückgang: Der Investor beobachtet den Markt und hofft, dass der Aktienkurs fällt.
  4. Rückkauf der Aktien (Buy to Cover): Sobald der Kurs gefallen ist, kauft der Investor die gleiche Anzahl der Aktien günstiger zurück.
  5. Rückgabe an den Broker: Die zurückgekauften Aktien werden dem Broker zurückgegeben. Der Gewinn ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Verkaufs- und dem Rückkaufpreis (abzüglich Gebühren und Zinsen für das Leihen der Aktien).

Falls der Aktienkurs jedoch steigt, muss der Short Seller die Aktien möglicherweise zu einem höheren Preis zurückkaufen, was zu Verlusten führt. Da ein Aktienkurs theoretisch unbegrenzt steigen kann, sind die potenziellen Verluste bei Short Selling unbeschränkt.

Vergleich mit Long-Positionen

Merkmal Short Selling (Leerverkauf) Long-Position (Klassischer Kauf)
Erwartete Kursentwicklung Fallende Kurse Steigende Kurse
Handelsmechanismus Erst verkaufen, dann kaufen Erst kaufen, dann verkaufen
Gewinnstrategie Gewinn entsteht, wenn der Preis fällt Gewinn entsteht, wenn der Preis steigt
Verlustrisiko Unbegrenzt (da der Kurs theoretisch unbegrenzt steigen kann) Begrenzt (maximaler Verlust ist der Kaufpreis)
Verwendung Spekulation oder Absicherung Investition oder Spekulation

Wie funktioniert Short Selling?

Leerverkäufe sind eine Handelsstrategie, die es Anlegern ermöglicht, von fallenden Aktienkursen zu profitieren. Dabei werden Aktien verkauft, die sich der Investor zuvor geliehen hat, mit der Absicht, diese später zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen. Der gesamte Prozess eines Short Trades ist jedoch komplex und erfordert ein spezielles Marginkonto sowie die Hinterlegung von Sicherheiten. Zudem gibt es zwei Arten von Leerverkäufen, den gedeckten (Covered) und den ungedeckten (Naked) Short Sale, die sich hinsichtlich ihrer Risiken und gesetzlichen Vorschriften unterscheiden.

Der Ablauf eines Short Trades (Leihen, Verkaufen, Rückkaufen, Zurückgeben)

Der erste Schritt eines Leerverkaufs besteht darin, dass der Investor Aktien von einem Broker leiht. Diese Aktien stammen entweder aus dem Bestand des Brokers oder von anderen Investoren, die ihre Wertpapiere zur Verfügung stellen. Da es sich um eine Leihgabe handelt, muss der Short Seller dem Broker eine Leihgebühr zahlen, deren Höhe sich nach der Verfügbarkeit und Nachfrage der jeweiligen Aktie richtet. Besonders bei stark leerverkauften Aktien kann diese Gebühr erheblich sein.

Nach der Leihe verkauft der Investor die geliehenen Aktien sofort am Markt zum aktuellen Preis. Sein Ziel ist es, diese Aktien später günstiger zurückzukaufen und dadurch einen Gewinn zu erzielen. In der Zwischenzeit bleibt der Short Seller jedoch verpflichtet, die geliehenen Aktien zu einem späteren Zeitpunkt an den Broker zurückzugebenunabhängig davon, ob der Kurs steigt oder fällt.

Hat sich der Aktienkurs wie erwartet nach unten entwickelt, kauft der Investor dieselbe Anzahl an Aktien zu einem niedrigeren Preis zurück. Die Differenz zwischen dem ursprünglichen Verkaufspreis und dem Rückkaufpreis stellt den Gewinn dar. Anschließend gibt er die Aktien an den Broker zurück, wodurch der Trade abgeschlossen wird. Fällt der Aktienkurs jedoch nicht wie erwartet, sondern steigt stattdessen, muss der Investor die Aktien zu einem höheren Preis zurückkaufen, was einen Verlust bedeutet. Da Aktien theoretisch unbegrenzt steigen können, ist das Verlustrisiko beim Short Selling besonders hoch.

Marginkonto und Sicherheitsleistungen

Da Leerverkäufe mit hohen Risiken verbunden sind, können sie nicht über ein gewöhnliches Wertpapierdepot durchgeführt werden. Stattdessen benötigt der Anleger ein sogenanntes Marginkonto, das es ihm ermöglicht, mit geliehenem Kapital zu handeln. Das Marginkonto dient dazu, potenzielle Verluste abzusichern, da der Broker eine Sicherheitsleistung, die sogenannte Margin, verlangt.

Die Höhe der Margin hängt von den Anforderungen des Brokers sowie von der Volatilität der jeweiligen Aktie ab. In der Regel müssen Short Seller einen bestimmten Prozentsatz des Gesamtwertes des Trades als Sicherheit hinterlegen. Sollte sich der Aktienkurs gegen die Erwartung entwickeln und steigen, verringert sich die hinterlegte Margin, und der Broker kann einen Margin Call auslösen.

Ein Margin Call bedeutet, dass der Investor zusätzliches Kapital auf sein Konto einzahlen muss, um den Short Trade weiter aufrechterhalten zu können. Falls er dazu nicht in der Lage ist oder der Verlust eine kritische Grenze überschreitet, kann der Broker die Position zwangsweise schließen. In diesem Fall kauft der Broker die Aktien eigenständig zum aktuellen Marktpreis zurück, wodurch der Short Seller möglicherweise einen erheblichen Verlust erleidet.

Diese Mechanismen machen deutlich, dass Leerverkäufe mit einem hohen finanziellen Risiko verbunden sind. Während ein Investor bei einer Long-Position nur seinen ursprünglichen Einsatz verlieren kann, sind die Verluste beim Short Selling theoretisch unbegrenzt, da ein Aktienkurs unbegrenzt steigen kann.

Unterschied zwischen Naked Short Selling und Covered Short Selling

Grundsätzlich gibt es zwei Formen von Leerverkäufen: den gedeckten (Covered) Short Sale und den ungedeckten (Naked) Short Sale. Beide unterscheiden sich in ihrem Ablauf und ihrem regulatorischen Status.

Beim Covered Short Selling, dem gedeckten Leerverkauf, leiht sich der Investor die Aktien vor dem Verkauf und stellt sicher, dass diese tatsächlich verfügbar sind. Dies ist die übliche und legale Form des Short Sellings, da sichergestellt ist, dass der Short Seller die Aktien später auch tatsächlich zurückgeben kann. Durch diese Absicherung ist das Risiko für den Markt begrenzt, da keine künstlichen Verkaufsorders entstehen, die das Angebot an Aktien verfälschen könnten.

Beim Naked Short Selling, dem ungedeckten Leerverkauf, verkauft der Investor Aktien, die er sich nicht vorher geliehen hat. Dadurch kann es vorkommen, dass mehr Aktien leerverkauft werden, als überhaupt im Umlauf sind. Dies kann zu erheblichen Marktverzerrungen und starken Kursmanipulationen führen, weshalb Naked Short Selling in vielen Ländern streng reguliert oder sogar verboten ist.

Ein prominentes Beispiel für die problematischen Folgen von Naked Short Selling war die Finanzkrise 2008. In dieser Zeit setzten zahlreiche Short Seller auf den Kursverfall von Banken und Finanzinstituten, ohne die notwendigen Aktien tatsächlich zu besitzen. Dies führte zu einer zusätzlichen Verunsicherung am Markt und verschärfte die Krise erheblich.

Während gedeckte Leerverkäufe eine übliche und etablierte Strategie für professionelle Anleger darstellen, gelten ungedeckte Leerverkäufe als riskant und werden von Finanzaufsichtsbehörden streng überwacht.

Gründe für Short Selling

Leerverkäufe sind eine vielseitige Handelsstrategie, die aus verschiedenen Gründen genutzt wird. Während einige Anleger mit Short Selling spekulative Gewinne erzielen möchten, setzen andere es als Absicherungsinstrument (Hedging) ein, um sich vor Kursverlusten zu schützen. Zudem kann Short Selling dazu beitragen, Marktineffizienzen aufzudecken und zu korrigieren. Diese drei Hauptgründe erklären, warum Leerverkäufe ein fester Bestandteil der Finanzmärkte sind.

Spekulation auf fallende Kurse

Einer der häufigsten Gründe für Short Selling ist die Spekulation auf sinkende Aktienkurse. Anleger, die davon überzeugt sind, dass eine Aktie überbewertet ist oder dass ein Unternehmen bald negative Nachrichten veröffentlichen wird, können durch Leerverkäufe von einem Kursrückgang profitieren.

Short Seller beobachten oft fundamentale und technische Faktoren, um Schwächen in einem Unternehmen oder einem gesamten Marktsegment zu identifizieren. Dazu gehören unter anderem:

  • Überbewertung: Eine Aktie könnte stark gestiegen sein, ohne dass sich die Unternehmensgewinne entsprechend entwickelt haben.
  • Schwache Unternehmenszahlen: Wenn ein Unternehmen schlechte Quartalsergebnisse veröffentlicht oder eine Umsatzwarnung herausgibt, könnte der Aktienkurs fallen.
  • Makroökonomische Risiken: Negative wirtschaftliche Entwicklungen, Zinserhöhungen oder geopolitische Spannungen können sich auf bestimmte Branchen oder den Gesamtmarkt auswirken.
  • Marktstimmung: Wenn Anleger allgemein pessimistisch sind, können Short Seller diesen Trend verstärken, indem sie auf weiter fallende Kurse setzen.

Ein bekanntes Beispiel für erfolgreiche spekulative Leerverkäufe ist die Finanzkrise 2008, als einige Investoren frühzeitig erkannten, dass der Immobilienmarkt in den USA überhitzt war. Sie setzten auf den Kursverfall von Banken und Hypothekenanleihen und erzielten dadurch große Gewinne.

Allerdings birgt diese spekulative Strategie hohe Risiken. Falls sich die Einschätzung als falsch herausstellt und der Aktienkurs statt zu fallen steigt, müssen Short Seller ihre Positionen zu einem höheren Preis zurückkaufen, was zu hohen Verlusten führen kann.

Absicherung (Hedging) von Portfolios

Neben der Spekulation nutzen viele institutionelle Investoren und Hedgefonds Short Selling als Absicherungsstrategie (Hedging). Dabei geht es weniger darum, auf fallende Kurse zu spekulieren, sondern vielmehr darum, bestehende Investitionen gegen Marktrisiken abzusichern.

Ein typisches Beispiel für eine Absicherungsstrategie ist ein Long-Short-Portfolio, bei dem ein Investor gleichzeitig long in starke Unternehmen investiert und short in schwache oder überbewertete Aktien geht. Dadurch kann er mögliche Marktschwankungen ausgleichen und sein Risiko reduzieren.

Auch große Investmentfonds setzen Short Selling ein, um ihre Portfolios gegen allgemeine Marktrisiken oder sektorale Rückgänge abzusichern. Wenn ein Fonds beispielsweise stark in Technologiewerte investiert ist, könnte er parallel Short-Positionen in einem überbewerteten Tech-Unternehmen eingehen. Sollte es zu einer Marktkorrektur kommen, könnten die Gewinne aus den Short-Positionen die Verluste der Long-Positionen teilweise ausgleichen.

Zudem können Unternehmen oder Investoren sich gegen bestimmte externe Risiken absichern. Beispielsweise könnte ein Produzent von Rohstoffen Short-Positionen in Rohstoffaktien eingehen, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern.

Während Hedging ein effektives Instrument zur Risikominimierung ist, verursacht es jedoch auch Kosten, da Leerverkäufe mit Leihgebühren und Zinsen verbunden sind. Zudem kann es vorkommen, dass der Short Trade nicht wie geplant funktioniert, wenn sich der Markt in eine unerwartete Richtung entwickelt.

Marktineffizienzen ausnutzen

Short Selling kann auch eine Rolle dabei spielen, ineffiziente Marktpreise zu korrigieren und zur Stabilität der Finanzmärkte beizutragen. Wenn eine Aktie überbewertet ist oder wenn Unternehmen falsche oder irreführende Informationen veröffentlichen, können Short Seller durch Leerverkäufe dazu beitragen, diese Fehlbewertungen aufzudecken.

In vielen Fällen haben Short Seller durch gründliche fundamentale Analysen dazu beigetragen, Betrugsfälle aufzudecken. Ein prominentes Beispiel ist der Wirecard-Skandal in Deutschland. Schon Jahre bevor der Skandal 2020 eskalierte, hatten Short Seller auf Basis von Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen des Unternehmens massive Short-Positionen aufgebaut. Letztendlich stellte sich heraus, dass Wirecard über Jahre hinweg Milliarden an Scheingewinnen verbucht hatte, was zur Insolvenz des Unternehmens führte.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Enron-Skandal in den frühen 2000er Jahren, bei dem Short Seller frühzeitig Unregelmäßigkeiten in den Finanzberichten des Unternehmens aufdeckten. Ihre Aktivitäten führten dazu, dass Anleger verstärkt nachfragten und die Wahrheit ans Licht kam.

Short Selling kann somit dazu beitragen, dass Aktienkurse nicht künstlich überbewertet bleiben und Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie falsche Informationen veröffentlichen. Kritiker argumentieren jedoch, dass Short Selling in einigen Fällen den Markt destabilisieren kann, insbesondere wenn große Mengen an Leerverkäufen zu einer Panik unter Anlegern führen.

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Risiken und Nachteile des Short Selling

Obwohl Short Selling eine Möglichkeit bietet, von fallenden Kursen zu profitieren oder sich gegen Marktverluste abzusichern, ist diese Strategie mit erheblichen Risiken verbunden. Im Gegensatz zu einer klassischen Long-Position, bei der der maximale Verlust auf den ursprünglichen Kaufpreis begrenzt ist, können Short Seller potenziell unbegrenzte Verluste erleiden. Zudem entstehen durch Leerverkäufe zusätzliche Kosten in Form von Leihgebühren und Margin Calls, und es gibt regulatorische Risiken, da Short Selling oft im Verdacht der Marktmanipulation steht. Ein weiteres, besonders gefährliches Risiko ist der sogenannte Short Squeeze, bei dem steigende Kurse Short Seller in eine ausweglose Lage bringen können.

Unbegrenztes Verlustrisiko

Das größte Risiko beim Short Selling besteht darin, dass die möglichen Verluste theoretisch unbegrenzt sind.

Wenn ein Anleger eine Aktie kauft (Long-Position), kann der Kurs zwar auf null fallen, aber der maximale Verlust entspricht lediglich dem Einsatz. Beim Short Selling hingegen verkauft der Investor eine geliehene Aktie mit der Erwartung, sie später günstiger zurückzukaufen. Falls der Kurs jedoch steigt, muss der Short Seller die Aktie zu einem höheren Preis zurückkaufen, um seine Position zu schließen.

Da eine Aktie theoretisch unbegrenzt steigen kann, gibt es keine natürliche Obergrenze für den Verlust. Während eine Aktie von 100 Euro auf 0 Euro fallen kann (ein maximaler Gewinn von 100 Euro pro Aktie für den Short Seller), könnte die Aktie genauso gut auf 200 Euro, 500 Euro oder 1000 Euro steigen, was zu riesigen Verlusten führt.

Ein drastisches Beispiel hierfür war der Volkswagen-Short Squeeze im Jahr 2008. Viele Short Seller wetteten damals auf fallende VW-Kurse. Doch als bekannt wurde, dass Porsche seinen Anteil an Volkswagen massiv erhöht hatte, stieg der Kurs innerhalb kürzester Zeit auf über 1.000 Euro, wodurch Short Seller gezwungen waren, ihre Positionen mit enormen Verlusten aufzulösen.

Leihgebühren und Margin Calls

Leerverkäufe sind nicht nur riskant, sondern auch mit hohen Kosten verbunden, die oft unterschätzt werden.

Zunächst muss der Short Seller die Aktie von einem Broker leihen. Der Broker erhebt dafür eine Leihgebühr, die je nach Verfügbarkeit der Aktie variieren kann. Je knapper eine Aktie ist, desto höher sind die Kosten. Besonders stark leerverkaufte Aktien haben oft extrem hohe Leihgebühren, sodass Short Seller auch dann Verluste machen können, wenn der Aktienkurs sich nicht bewegt.

Ein weiteres finanzielles Risiko entsteht durch das Marginkonto, das für Leerverkäufe erforderlich ist. Da sich der Short Seller die Aktien leiht, muss er eine Sicherheitsleistung (Margin) hinterlegen, die von der Wertentwicklung der Aktie abhängt. Wenn der Kurs steigt, reduziert sich die hinterlegte Margin, und der Broker kann einen Margin Call auslösen.

Ein Margin Call bedeutet, dass der Short Seller zusätzliches Kapital einzahlen muss, um seine Position abzusichern. Falls der Anleger nicht genügend Kapital nachschießen kann, kann der Broker seine Short-Position zwangsweise auflösen – oft mit hohen Verlusten.

Marktmanipulation und regulatorische Risiken

Short Selling ist seit jeher ein umstrittenes Thema und steht immer wieder im Verdacht der Marktmanipulation. Kritiker argumentieren, dass große Short-Positionen den Markt künstlich unter Druck setzen können, insbesondere wenn Investoren negative Nachrichten über ein Unternehmen verbreiten, um den Kurs zu beeinflussen.

Einige bekannte Fälle haben dazu geführt, dass Finanzaufsichtsbehörden in mehreren Ländern das Short Selling zeitweise verboten oder eingeschränkt haben. Beispielsweise wurden während der Finanzkrise 2008 und der Corona-Krise 2020 Leerverkäufe für bestimmte Aktien oder sogar ganze Märkte untersagt, um extreme Kursverluste zu verhindern.

Besonders umstritten ist das Naked Short Selling, bei dem Anleger Aktien verkaufen, die sie sich gar nicht vorher geliehen haben. Da dies zu einer künstlichen Erhöhung des Angebots führt, ist es in vielen Ländern – darunter die USA und Deutschland – streng reguliert oder verboten.

Auch Short-Seller-Berichte, die Unternehmen bewusst schlechtreden, um deren Aktienkurs nach unten zu treiben, werden regelmäßig untersucht. Während einige Short Seller durch ihre Analysen tatsächliche Betrugsfälle aufdecken (z. B. Wirecard), gibt es auch Fälle, in denen Falschinformationen gezielt verbreitet werden, um Kursstürze auszulösen.

Vorteile des Short Selling

Obwohl Short Selling mit erheblichen Risiken verbunden ist, bietet es auch mehrere Vorteile, die es zu einem wichtigen Bestandteil der Finanzmärkte machen. Einer der größten Vorteile besteht darin, dass Anleger in fallenden Märkten Gewinne erzielen können, während traditionelle Investoren nur von steigenden Kursen profitieren. Darüber hinaus trägt Short Selling zur Markteffizienz bei, indem es überbewertete Aktien identifiziert und Fehlbewertungen korrigiert. Schließlich dient Short Selling als wichtige Absicherungsstrategie (Hedging), um bestehende Portfolios gegen Marktrisiken zu schützen.

Möglichkeit, in fallenden Märkten Gewinne zu erzielen

Ein großer Vorteil des Short Selling besteht darin, dass Anleger auch in sinkenden Märkten Profite erzielen können. Während sich die meisten Investoren auf steigende Kurse konzentrieren, können Short Seller von wirtschaftlichen Abschwüngen, Krisen oder Unternehmensproblemen profitieren.

In Bärenmärkten – also Phasen mit langfristig fallenden Kursen – haben klassische Long-Investoren oft nur die Möglichkeit, Verluste zu minimieren oder auf bessere Zeiten zu warten. Short Seller hingegen können diese Marktentwicklung nutzen, indem sie auf weiter fallende Kurse setzen. Dies ermöglicht ihnen nicht nur Gewinne in Krisenzeiten, sondern kann auch zur Stabilisierung eines Portfolios beitragen.

Short Selling ist somit eine effektive Strategie für Anleger, die flexibel auf verschiedene Marktbedingungen reagieren möchten und sich nicht ausschließlich auf steigende Kurse verlassen wollen.

Erhöhte Markteffizienz durch Preisfindung

Ein weiterer wichtiger Vorteil des Short Selling ist seine Rolle bei der Preisfindung und Marktstabilität. Short Seller tragen dazu bei, überbewertete Aktien zu identifizieren und Fehlbewertungen zu korrigieren, was langfristig zu effizienteren Finanzmärkten führt.

In einem Markt, in dem es nur Käufer gibt, können Aktienkurse leicht künstlich aufgebläht werden. Dies führt dazu, dass sich Blasen bilden, die später oft mit dramatischen Kurseinbrüchen platzen. Short Seller helfen, solche übertriebenen Kursentwicklungen frühzeitig zu korrigieren, indem sie ihre Analysen nutzen, um überbewertete Unternehmen zu identifizieren und gegen sie zu wetten.

Besonders wichtig ist dieser Mechanismus bei Unternehmen, die falsche oder irreführende Informationen veröffentlichen. Short Seller haben in der Vergangenheit oft Bilanzbetrug und fehlerhafte Geschäftsmodelle aufgedeckt, indem sie sich intensiv mit der Fundamentalanalyse dieser Unternehmen beschäftigt haben.

Short Selling trägt somit zur Marktstabilität bei, indem es verhindert, dass überbewertete Unternehmen weiter künstlich steigen, nur weil es keine Gegenspieler auf dem Markt gibt.

Hedging-Strategien zum Risikomanagement

Neben der Spekulation auf fallende Kurse wird Short Selling häufig als Absicherungsinstrument (Hedging) genutzt. Dabei geht es nicht darum, reine Gewinne zu erzielen, sondern vielmehr darum, bestehende Investitionen gegen Verluste abzusichern.

Ein typisches Beispiel für eine Absicherungsstrategie ist ein Long-Short-Portfolio, bei dem ein Investor gleichzeitig long in starke Unternehmen investiert und short in schwache oder überbewertete Aktien geht. Dadurch kann er mögliche Marktschwankungen ausgleichen und das Gesamtrisiko seines Portfolios reduzieren.

Auch große Investmentfonds setzen Short Selling gezielt ein, um sich gegen allgemeine Marktrisiken oder sektorale Rückgänge abzusichern. Ein Fonds, der stark in Technologieaktien investiert ist, könnte parallel Short-Positionen in überbewerteten Tech-Unternehmen halten, um sich gegen mögliche Kursrückgänge in diesem Sektor zu schützen.

Hedging ist besonders in unsicheren Marktphasen nützlich. Wenn Märkte stark schwanken oder geopolitische Risiken drohen, kann eine gezielte Short-Strategie helfen, Verluste in einem Portfolio zu minimieren. Auch Unternehmen können sich durch Short Selling gegen Risiken absichern. Beispielsweise könnte ein Goldminenbetreiber Short-Positionen in Gold-ETFs halten, um sich gegen sinkende Goldpreise abzusichern.

Während Hedging keine Garantie für Gewinne ist, hilft es doch dabei, das Risiko breiter zu streuen und Verluste zu begrenzen. Daher ist Short Selling ein wichtiges Instrument im Risikomanagement institutioneller Investoren.

Regulierungen und rechtliche Rahmenbedingungen

Short Selling ist eine weit verbreitete Handelsstrategie, die jedoch wegen ihrer potenziellen Auswirkungen auf die Finanzmärkte streng reguliert wird. In vielen Ländern gibt es spezifische Vorgaben, die sicherstellen sollen, dass Leerverkäufe fair und transparent ablaufen und Marktmanipulationen verhindert werden. Besonders das Naked Short Selling, also der Verkauf von Aktien ohne vorherige Leihe, ist in vielen Ländern verboten. Zudem unterliegen Leerverkäufe bestimmten Meldepflichten, um Transparenz zu gewährleisten und übermäßige Spekulationen einzuschränken.

Regulierung durch Finanzaufsichtsbehörden (z. B. BaFin, SEC, ESMA)

Da Leerverkäufe erhebliche Auswirkungen auf die Stabilität der Finanzmärkte haben können, werden sie weltweit von Finanzaufsichtsbehörden reguliert. Zu den wichtigsten Institutionen gehören:

  • BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Deutschland)
  • SEC (Securities and Exchange Commission, USA)
  • ESMA (European Securities and Markets Authority, EU)

Diese Behörden haben die Aufgabe, Short Selling zu überwachen, Melderegeln durchzusetzen und im Falle von Marktmanipulationen Strafen zu verhängen. Die Regulierung erfolgt oft durch:

  1. Transparenzvorschriften: In vielen Ländern müssen Short Seller ihre Positionen melden, sobald sie eine bestimmte Schwelle überschreiten.
  2. Handelsbeschränkungen: In extremen Marktsituationen können Aufsichtsbehörden Short Selling für bestimmte Aktien oder ganze Märkte vorübergehend verbieten.
  3. Maßnahmen gegen Marktmanipulation: Finanzaufsichten untersuchen regelmäßig, ob Short Seller bewusst Kurse beeinflussen oder falsche Informationen verbreiten.

Besonders während der Finanzkrise 2008 und der Corona-Krise 2020 haben viele Regulierungsbehörden temporäre Short-Selling-Verbote verhängt, um panikartige Kursabstürze zu verhindern.

Verbot von Naked Short Selling in vielen Ländern

Eine besonders strenge Regelung betrifft das Naked Short Selling (ungedeckte Leerverkäufe). Beim klassischen, gedeckten Short Selling leiht sich der Investor zunächst die Aktien, bevor er sie verkauft. Beim Naked Short Selling hingegen verkauft er Aktien, ohne sie sich vorher zu leihen, in der Hoffnung, sie vor der Lieferung zum günstigeren Preis kaufen zu können.

Dieses Vorgehen birgt hohe Risiken, da es dazu führen kann, dass mehr Aktien leerverkauft werden, als tatsächlich existieren. In extremen Fällen kann dies zu erheblichen Marktverwerfungen und künstlich verstärkten Kursrückgängen führen.

Aufgrund dieser Risiken ist Naked Short Selling in vielen Ländern verboten oder stark eingeschränkt, darunter:

  • Deutschland (BaFin verbot Naked Short Selling 2010)
  • USA (SEC reguliert Naked Short Selling seit 2008 durch die „Regulation SHO“)
  • EU (ESMA setzt strikte Regeln gegen Naked Short Selling durch)

Trotz der Verbote gibt es immer wieder Berichte darüber, dass ungedeckte Leerverkäufe durch inoffizielle oder schwer nachvollziehbare Methoden dennoch stattfinden. Einige Marktteilnehmer umgehen die Regeln durch komplexe Derivatstrukturen oder den außerbörslichen Handel.

Meldepflichten für Leerverkäufe

Ein weiteres wichtiges Regulierungselement ist die Meldepflicht für Short-Positionen. Diese Vorschriften sollen sicherstellen, dass die Aufsichtsbehörden und andere Marktteilnehmer einen Überblick über das Ausmaß von Leerverkäufen erhalten.

Je nach Land gibt es unterschiedliche Schwellenwerte, ab denen Short-Positionen öffentlich oder bei der Finanzaufsicht gemeldet werden müssen. In der EU gelten beispielsweise folgende Regeln:

  • Sobald eine Netto-Short-Position 0,1 Prozent des ausstehenden Aktienkapitals eines Unternehmens übersteigt, muss sie bei der nationalen Aufsichtsbehörde (z. B. BaFin in Deutschland) gemeldet werden.
  • Sobald eine Netto-Short-Position 0,5 Prozent des Aktienkapitals erreicht oder übersteigt, muss sie öffentlich gemacht werden.

Diese Regelungen sollen verhindern, dass exzessive Spekulationen unbemerkt bleiben und potenziell marktmanipulative Strategien unterbunden werden.

In den USA gibt es ähnliche Regelungen durch die SEC, die vorschreibt, dass große Short-Positionen regelmäßig gemeldet werden müssen. Besonders nach dem GameStop-Short Squeeze im Jahr 2021 wurde die Transparenz im Bereich Short Selling weiter verstärkt, um mögliche Marktverzerrungen besser zu kontrollieren.

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Praxisbeispiele und berühmte Short-Selling-Fälle

Short Selling hat in der Finanzgeschichte immer wieder eine zentrale Rolle gespielt – sei es als Mittel zur Spekulation, zur Absicherung oder zur Aufdeckung von Betrug. Einige der bekanntesten Fälle zeigen eindrucksvoll die Chancen und Risiken dieser Strategie. Besonders spektakulär sind Ereignisse wie der GameStop-Short Squeeze von 2021 oder der VW-Short Squeeze von 2008, bei denen Short Seller riesige Verluste erlitten. Andere Beispiele, wie George Soros‘ Wette gegen das britische Pfund oder die Enthüllungen von Enron und Wirecard, zeigen, wie Short Selling dazu beitragen kann, wirtschaftliche Fehlentwicklungen und Finanzskandale aufzudecken.

GameStop-Short Squeeze (2021)

Einer der spektakulärsten Short Squeezes der jüngeren Finanzgeschichte ereignete sich im Januar 2021 mit der Aktie von GameStop (GME). Hedgefonds hatten massiv auf einen Kursverfall des Einzelhändlers für Videospiele gesetzt, da das Unternehmen wirtschaftlich angeschlagen war. Doch eine Gruppe von privaten Investoren, organisiert über das Reddit-Forum „WallStreetBets“, erkannte die hohe Short-Quote und begann, GameStop-Aktien in großen Mengen zu kaufen.

Da Short Seller irgendwann gezwungen sind, ihre Positionen zu schließen, wenn der Kurs steigt, löste dies eine Kettenreaktion aus: Je mehr der Kurs stieg, desto mehr mussten Short Seller die Aktie zurückkaufen, was den Preis weiter nach oben trieb. Innerhalb weniger Tage explodierte der Kurs von unter 20 US-Dollar auf über 400 US-Dollar.

Einige große Hedgefonds, darunter Melvin Capital, erlitten durch den Short Squeeze Verluste in Milliardenhöhe. Die Ereignisse führten zu einer intensiven Debatte über die Macht privater Anleger und die Risiken von Short Selling. Die US-Börsenaufsicht SEC untersuchte den Fall, während Handelsplattformen wie Robinhood den Kauf von GameStop-Aktien vorübergehend einschränkten – eine Entscheidung, die für große Kontroversen sorgte.

VW-Short Squeeze (2008)

Ein weiteres legendäres Beispiel für einen Short Squeeze ereignete sich im Oktober 2008 mit der Aktie von Volkswagen (VW). Viele Investoren wetteten damals darauf, dass der Kurs der VW-Aktie fallen würde, da sich die weltweite Finanzkrise verschärfte und die Automobilbranche stark unter Druck geriet.

Was die Short Seller jedoch nicht wussten: Der Sportwagenhersteller Porsche hatte sich heimlich einen Mehrheitsanteil an Volkswagen gesichert – teils über direkte Aktienkäufe, teils über komplexe Derivatgeschäfte. Als Porsche am 26. Oktober 2008 öffentlich machte, dass es bereits 74,1 Prozent der VW-Aktien kontrollierte, gab es nur noch wenige frei handelbare Aktien für Short Seller, die ihre Positionen schließen mussten.

Die Folge war ein beispielloser Kursanstieg: Innerhalb weniger Tage schoss die VW-Aktie von rund 200 Euro auf über 1.000 Euro, was sie kurzzeitig zum wertvollsten Unternehmen der Welt machte. Hedgefonds und andere Short Seller verloren Milliarden, während Porsche durch den Anstieg hohe Buchgewinne erzielte.

George Soros gegen das britische Pfund (1992)

Ein besonders berühmter Short Trade wurde 1992 von George Soros durchgeführt, als er mit seinem Hedgefonds Quantum Fund gegen das britische Pfund wettete.

Hintergrund war das europäische Wechselkursmechanismus-System (ERM), das vorsah, dass das britische Pfund innerhalb einer bestimmten Bandbreite zum Deutschen Mark gehalten werden musste. Doch die britische Wirtschaft kämpfte mit hohen Zinsen und einer schwachen Konjunktur, weshalb viele Investoren daran zweifelten, dass die britische Regierung den Wechselkurs aufrechterhalten konnte.

Soros erkannte diese Schwäche und baute eine massive Short-Position gegen das britische Pfund auf, indem er Milliarden an Pfund verkaufte und stattdessen stärkere Währungen kaufte. Als sich der Druck auf die Bank of England erhöhte, musste sie entweder die Zinsen weiter anheben oder das Pfund abwerten.

Am 16. September 1992, dem sogenannten „Black Wednesday“, gab die britische Regierung nach und verließ das ERM. Das Pfund stürzte daraufhin massiv ab, während Soros mit seinem Short Trade geschätzte 1 Milliarde US-Dollar Gewinn machte.

Dieser Fall zeigt eindrucksvoll, wie Short Selling genutzt werden kann, um auf wirtschaftliche Fehlentwicklungen zu wetten – mit enormen finanziellen Auswirkungen für ganze Volkswirtschaften.

Enron und Wirecard – Shortseller als Aufdecker von Betrug

Neben Spekulationen und Absicherungen hat Short Selling auch eine wichtige Funktion bei der Aufdeckung von Betrug und Unternehmensskandalen. Zwei besonders prominente Beispiele sind Enron (USA, 2001) und Wirecard (Deutschland, 2020).

 

Enron (2001): Der Zusammenbruch eines Energie-Giganten

Enron war einst eines der größten Energieunternehmen der Welt, doch Short Seller und Analysten entdeckten Unregelmäßigkeiten in den Finanzberichten. Sie stellten fest, dass Enron riesige Schulden in ausgelagerten Firmen versteckt hatte, um seine Bilanzen künstlich aufzublähen.

Einige Hedgefonds begannen, massiv gegen Enron zu wetten, da sie davon ausgingen, dass die veröffentlichten Zahlen nicht der Realität entsprachen. Als die Betrugsfälle öffentlich wurden, stürzte die Enron-Aktie von über 90 US-Dollar auf unter 1 US-Dollar. Der Fall führte zu einer der größten Insolvenzen der US-Geschichte und zur Einführung strengerer Bilanzierungsvorschriften (Sarbanes-Oxley Act).

 

Wirecard (2020): Der größte Finanzskandal Deutschlands

Ein ähnlicher Fall ereignete sich fast 20 Jahre später in Deutschland mit Wirecard, einem Zahlungsdienstleister, der jahrelang als eines der größten Tech-Unternehmen des Landes galt.

Schon früh hatten einige Short Seller und Investigativjournalisten Zweifel an den veröffentlichten Geschäftszahlen von Wirecard. Sie stellten fest, dass Milliardenbeträge auf asiatischen Konten fehlten und dass das Unternehmen möglicherweise Erträge fälschte, um seinen Aktienkurs hochzuhalten.

Während viele Investoren die Short Seller anfangs als Marktmanipulatoren kritisierten, stellte sich letztlich heraus, dass sie recht hatten: Im Juni 2020 musste Wirecard einräumen, dass 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz nicht existierten. Der Aktienkurs brach daraufhin von über 100 Euro auf nahezu 0 Euro ein, und das Unternehmen meldete Insolvenz an.

Dieser Fall zeigt, dass Short Seller eine wichtige Rolle bei der Enthüllung von Finanzskandalen spielen können. Durch intensive Recherche und kritische Analysen tragen sie dazu bei, betrügerische Unternehmen aufzudecken und Anleger vor massiven Verlusten zu schützen.

Strategien und Alternativen zum klassischen Short Selling

Während das klassische Short Selling eine direkte Möglichkeit bietet, von fallenden Kursen zu profitieren, ist es mit hohen Risiken und Kosten verbunden. Glücklicherweise gibt es verschiedene Alternativen, die Investoren nutzen können, um auf fallende Kurse zu spekulieren oder ihre Portfolios abzusichern. Dazu gehören Put-Optionen, inverse ETFs und die sogenannte Pairs-Trading-Strategie. Diese Methoden bieten ähnliche Vorteile wie das klassische Short Selling, können jedoch in manchen Fällen ein geringeres Risiko oder eine einfachere Umsetzung ermöglichen.

Put-Optionen als Alternative

Eine der bekanntesten Alternativen zum klassischen Short Selling sind Put-Optionen. Eine Put-Option ist ein Finanzderivat, das dem Käufer das Recht, aber nicht die Verpflichtung gibt, eine Aktie zu einem vorher festgelegten Preis (Strike-Preis) innerhalb einer bestimmten Zeit zu verkaufen.

 

Vorteile von Put-Optionen:

Begrenztes Verlustrisiko: Der maximale Verlust ist auf die gezahlte Prämie für die Option beschränkt, während Short Selling unbegrenzte Verluste mit sich bringen kann.
Hebelwirkung: Mit einem vergleichsweise geringen Kapitaleinsatz können hohe Gewinne erzielt werden, wenn der Kurs stark fällt.
Keine Notwendigkeit einer Aktienleihe: Im Gegensatz zu Short Selling ist es nicht erforderlich, Aktien von einem Broker zu leihen, was Gebühren und regulatorische Anforderungen reduziert.

 

Nachteile von Put-Optionen:

Zeitlicher Verfall: Optionen haben eine begrenzte Laufzeit. Wenn der Kurs nicht innerhalb der Frist fällt, kann die Option wertlos verfallen.
Komplexität: Optionen sind komplizierter als direkte Aktiengeschäfte und erfordern ein gewisses Maß an Erfahrung im Optionshandel.

Beispiel: Ein Investor erwartet, dass die Aktie von Unternehmen X, die aktuell bei 100 Euro steht, in den nächsten drei Monaten fallen wird. Er kauft eine Put-Option mit einem Strike-Preis von 90 Euro und einer Prämie von 5 Euro. Fällt die Aktie auf 80 Euro, kann er sie für 90 Euro verkaufen, was ihm einen Gewinn von 5 Euro pro Aktie (abzüglich der Prämie) einbringt. Steigt die Aktie hingegen, verfällt die Option, und der Investor verliert nur die Prämie von 5 Euro.

Inverse ETFs

Eine weitere Alternative zum Short Selling sind inverse ETFs (Exchange Traded Funds). Diese speziellen Fonds sind darauf ausgelegt, die entgegengesetzte Performance eines bestimmten Index oder Marktes nachzubilden.

 

Funktionsweise eines inversen ETFs:

  • Ein klassischer ETF bildet einen Index (z. B. den S&P 500 oder DAX) nach. Wenn der Index steigt, steigt auch der Wert des ETFs.
  • Ein inverser ETF hingegen steigt im Wert, wenn der Index fällt, da er auf fallende Kurse setzt.

 

Vorteile von inversen ETFs:

Einfach zu handeln: Inverse ETFs können wie normale Aktien oder ETFs an der Börse gekauft und verkauft werden.
Kein Margin-Konto erforderlich: Im Gegensatz zu Short Selling sind keine Leerverkäufe oder Margin-Konten notwendig.
Diversifizierung: Anstatt auf eine einzelne Aktie zu setzen, kann ein inverser ETF das gesamte Marktumfeld abdecken.

 

Nachteile von inversen ETFs:

Kosten und Gebühren: Viele inverse ETFs haben höhere Verwaltungskosten als herkömmliche ETFs.
Tracking-Fehler: Aufgrund von täglicher Neugewichtung kann die Performance eines inversen ETFs über längere Zeiträume von der tatsächlichen Marktentwicklung abweichen.
Nicht für langfristige Investments geeignet: Inverse ETFs sind für kurzfristige Spekulationen gedacht. Über längere Zeiträume können sie durch tägliche Anpassungen an Wert verlieren, selbst wenn der Markt fällt.

Beispiel: Ein Anleger, der auf einen fallenden S&P 500 setzt, könnte einen inversen S&P 500-ETF kaufen. Wenn der S&P 500 um 2 Prozent fällt, würde der ETF um 2 Prozent steigen und umgekehrt.

Pairs Trading (Long/Short-Strategien)

Pairs Trading ist eine fortgeschrittene Strategie, die Short Selling mit einer gleichzeitigen Long-Position kombiniert. Dabei werden zwei korrelierte Wertpapiere ausgewählt – eines wird leerverkauft, während das andere gekauft wird.

 

Beispiel für Pairs Trading:

Ein Investor identifiziert zwei Unternehmen aus derselben Branche, z. B. Tesla (TSLA) und Ford (F). Angenommen, er glaubt, dass Tesla überbewertet ist, während Ford unterbewertet ist. Er könnte:

  • Tesla leerverkaufen (Short-Position)
  • Ford kaufen (Long-Position)

Wenn sich die Bewertung wieder aneinander angleicht – entweder durch einen Kursrückgang von Tesla oder einen Anstieg von Ford –, würde der Trader Gewinn machen, unabhängig davon, ob der Gesamtmarkt steigt oder fällt.

 

Vorteile von Pairs Trading:

Marktunabhängige Strategie: Gewinne können erzielt werden, selbst wenn sich der Gesamtmarkt seitwärts bewegt.
Geringeres Risiko: Da eine Long- und eine Short-Position gleichzeitig gehalten werden, können extreme Verluste durch allgemeine Marktschwankungen reduziert werden.
Fundamentalanalyse nutzbar: Diese Strategie eignet sich besonders für Anleger, die sich auf fundamentale Bewertungen von Unternehmen konzentrieren.

 

Nachteile von Pairs Trading:

Komplexität: Diese Strategie erfordert eine tiefgehende Analyse der Aktien und ein gutes Verständnis für deren Korrelation.
Hohe Kapitalanforderungen: Da zwei Positionen gleichzeitig eröffnet werden, ist mehr Kapital erforderlich als bei einer einzelnen Short- oder Long-Position.
Timing-Risiko: Selbst wenn eine Aktie überbewertet erscheint, kann es lange dauern, bis der Markt die Fehlbewertung korrigiert.

Fazit und Empfehlungen

Short Selling ist eine mächtige, aber riskante Handelsstrategie, die es Investoren ermöglicht, von fallenden Kursen zu profitieren. Während sie für institutionelle Anleger und erfahrene Trader eine wertvolle Möglichkeit darstellt, birgt sie für unerfahrene Anleger erhebliche Gefahren. Neben den unbegrenzten Verlustmöglichkeiten erfordert Short Selling ein gutes Verständnis für Marktmechanismen, eine präzise Risikokontrolle und ein tiefgehendes Wissen über die zugrunde liegenden Unternehmen oder Märkte.

Obwohl es sich um ein bewährtes Instrument handelt, sollten private Anleger die Risiken sorgfältig abwägen und gegebenenfalls auf Alternativen zum klassischen Short Selling zurückgreifen.

Für wen ist Short Selling geeignet?

Geeignet für:

  • Erfahrene Trader mit fundiertem Wissen über Marktmechanismen
  • Institutionelle Investoren und Hedgefonds, die gezielt auf fallende Kurse setzen oder sich absichern
  • Marktanalysten und investigative Investoren, die Fehlbewertungen oder überbewertete Aktien identifizieren

Nicht geeignet für:

  • Unerfahrene Anleger, die nicht mit den Risiken und Mechanismen vertraut sind
  • Investoren mit geringer Risikotoleranz, da Verluste unbegrenzt sein können

Fazit

Short Selling ist eine anspruchsvolle, aber auch riskante Strategie, die es Anlegern ermöglicht, von fallenden Kursen zu profitieren. Während sie für professionelle Investoren ein wertvolles Instrument zur Spekulation oder Absicherung darstellt, kann sie für Privatanleger mit erheblichen Risiken verbunden sein. Besonders das unbegrenzte Verlustpotenzial und die Möglichkeit eines Short Squeeze machen Leerverkäufe zu einer Strategie, die ein hohes Maß an Marktverständnis und Risikomanagement erfordert.

Für erfahrene Investoren kann Short Selling ein effektives Werkzeug sein, um sich gegen Marktabschwünge abzusichern oder überbewertete Aktien zu identifizieren. Gleichzeitig trägt es zur Markteffizienz bei, indem es Fehlbewertungen korrigiert und in manchen Fällen sogar Betrugsfälle aufdeckt.

Für Privatanleger hingegen gibt es oft sinnvollere Alternativen, um auf fallende Kurse zu setzen oder Risiken zu minimieren. Put-Optionen, inverse ETFs und Pairs Trading bieten ähnliche Möglichkeiten, sind jedoch in vielen Fällen sicherer und einfacher zu handhaben. Wer dennoch Short Selling betreiben möchte, sollte sich intensiv mit den Mechanismen auseinandersetzen, eine klare Strategie verfolgen und striktes Risikomanagement betreiben.

Wenn das persönliche Risikoprofil nicht mit den hohen Risiken des Short Sellings übereinstimmt, ist es ratsam, auf traditionellere und sicherere Anlagestrategien zu setzen. Dazu gehören beispielsweise breit diversifizierte ETFs, die langfristig stabile Renditen bieten und weniger aktives Management erfordern. Auch defensive Aktien, Anleihen oder Rohstoffe wie Gold können eine gute Möglichkeit sein, um sich gegen Marktschwankungen abzusichern, ohne das hohe Risiko von Leerverkäufen einzugehen.

Letztlich bleibt Short Selling eine zweischneidige Strategie: Es bietet hohe Gewinnchancen, kann jedoch genauso schnell zu erheblichen Verlusten führen. Anleger sollten daher stets genau abwägen, ob es in ihre persönliche Anlagestrategie passt – oder ob risikoärmere Alternativen die bessere Wahl sind.

Short Selling/ Leerverkäufe – Das sollten Sie tun

  1. Überlegen Sie, ob Sie mit den hohen Risiken von Short Selling umgehen können. Falls nicht, setzen Sie auf sicherere Alternativen wie ETFs oder defensive Anlagen.

  2. Nutzen Sie Stop-Loss-Orders und setzen Sie nur Kapital ein, dessen Verlust Sie verkraften können.

  3. Prüfen Sie weniger riskante Methoden wie Put-Optionen, inverse ETFs oder Pairs Trading, um von fallenden Kursen zu profitieren.

  4. Informieren Sie sich gründlich über Marktmechanismen, regulatorische Vorgaben und potenzielle Risiken, bevor Sie eine Short-Position eingehen.

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